Der Profi

Ich bleibe im Thema und beschäftige mich weiter mit Berührung. Wir erleben sie ständig, aktiv als Berührende und passiv als Berührte. Manche tun es tagtäglich, sehr professionell und gesellschaftlich absolut anerkannt: Physiotherapeuten, Masseure, Kosmetikerinnen, Handaufleger (für Anhänger asiatischer Methoden Reiki), Ayurvedatherapeuten, Schamanen … Die Liste der „Wellnessberufe“ ließe sich erheblich fortführen. Wellness ist schon lange keine Marktnische mehr, sondern vielmehr eine Industrie, die für jede und jeden etwas bietet. Auf der einen, wie auf der anderen Seite.

Wenn die Leute hören was ich beruflich mache, reagieren sie immer gleich. Der Irritation folgt die Neugier.
»Berührungstherapeut?«, fragen sie in voyeuristisch gefärbtem Tonfall. Man sieht ihnen förmlich an, welche Bilder hinter ihrer Stirn auftauchen. In wahlweise pornografisches Rot oder esoterische Farben und Klänge getaucht lassen sich darin frustrierte Einsame befingern, ertragen die Peinlichkeit gekaufter Berührung, um ein Minimum an Entgrenzung zu erfahren.

Die Wirklichkeit sieht gänzlich anders aus. Mein Arbeitsplatz ist absichtsvoll nüchtern, beinahe klinisch. Eine professionelle Massageliege, ein Kleiderständer, ein Stuhl, keine Musik, keine Kerzen. Lediglich das Graugrün der Wände und die farblich passenden Vorhänge unterscheiden ihn von den Räumen einer Reha-Einrichtung. Im Nebenraum arbeitet  Vincent.
Dank seiner Ausbildung dürfen wir die Praxis unter Physiotherapie laufen lassen, was meiner Arbeit einen professionellen Rahmen verleiht. Er baut Hemmschwellen ab. Sich beim Physiotherapeuten einer Berührungstherapie zu unterziehen klingt nach medizinischer Notwenigkeit, damit besser, als dasselbe bei einem Naturheiler, Schamanen oder in einer Wellnesseinrichtung zu tun.

Männer fragen dann gern, was für eine Ausbildung ich habe, Frauen, was ich dabei tue, wie sie sich das vorstellen müssten. In eher alternativen Zirkeln kommt von ihnen gern die – auf Vorkenntnis verweisende und betont sachlich vorgetragene – Frage, ob es so was wie Tantramassage sei. Die kommt auch schon mal von Männern, Anzugträgern, die sie mit einem abfälligen Lachen begleiten, das unbedingt klarstellen soll, wie wenig sie davon halten und das sie das nicht nötig haben.

Ich erzähle dann die Geschichte von meiner Ausbildung in einem engadiner Dorf, die Vincent und ich uns ausgedacht haben. Wochen haben wir an meinem Lebenslauf gearbeitet, haben uns wer weiß was für einen Kopf gemacht, um die Tatsache zu verschleiern, dass ich über keinerlei Ausbildung verfüge. Haben Seminare erfunden, eine persönliche Leidensgeschichte, die mich letztlich in das engadiner Dorf geführt hat, weil ich von der alten Bäuerin erfahren hatte, die ihre Nachbarn auf ungewöhnliche Weise und unentgeltlich von Schmerzen befreite. Einzig durch ihre Berührungen, bei denen sie Körpertraumata auf die Spur kam und diese sanft  beseitigte. Mit viel Überzeugungskraft sei es mir gelungen, ihr Schüler zu werden. Fünf Jahre lang sei ich von ihr unterrichtet worden. Eine Zeit, die mir zu intensiven Erkenntnissen und einer Körpersensibilität verholfen habe, die ich heute an meine Patienten weitergäbe. Dazu schrieben wir ein paar begeisterte Patientenstimmen, die übereinstimmend die ruhige Kraft und neugewonnene Energie priesen, mit der sie aus den Therapiestunden kämen.

Heute weiß ich, wir hätten uns viel Mühe sparen können. Die Menschen glauben den größten Mist, wenn man ihn nur souverän genug vorträgt. Trotz Internet. Vincent „überwies“ anfangs Patienten an mich, um seine Therapie optimal zu unterstützen. Vorwiegend Frauen, um die ich mich in den damals noch einstündigen Sitzungen sehr bemühte. Die Mühe lohnte sich, innerhalb kürzester Zeit war ich ausgebucht. So geht es seit Jahren. Pro Tag behandle ich zwischen sieben und neun Patienten, jeweils 45 Minuten. Wenn ich wollte, könnte ich auch den Samstag füllen.

Ob denn die Kassen die Therapie bezahlten, fragen die Männer. Ich sehe sie dann nur an und sie antworten meist selbst darauf. Frauen schauen mir bei diesen Gesprächen immer wieder auf die Hände. Ich habe schöne Hände, schlank und feingliedrig, trotzdem männlich, mit deutlich sichtbaren, jedoch nicht zu wulstigen Adern darauf. Das Körperöl, mit dem ich arbeite, hält sie trotz des häufigen Waschens weich und ich achte sorgsam auf gepflegte Fingernägel. Ich trage keinen Ring, es sind ungebundene Hände, auch das ist wichtig. In den Gesprächen gestikuliere ich betont sparsam aber eindrücklich, setze sie gekonnt in Szene. Irgendwann taucht in den Augen der Frauen – und bestimmter Männer – ein Funkeln auf, dann weiß ich, sie werden in absehbarer Zeit in die Praxis kommen.

Falls sie nun vermuten, es seien nur die hässlichen, die, die keiner anfassen mag, weil sie zu mager, zu fett, zu alt oder zu krank sind, täuschen Sie sich. Es würde Sie wundern, wie viele von ihnen zu den gutaussehenden, wenn nicht gar schönen Frauen zählen. Mich selbst hat das erstaunt, bevor ich begriffen habe, warum sie sich für Geld berühren lassen. Sie wollen berührt werden, ohne Trophäe zu sein. Sie sind es leid Objekt zu sein, Statussymbol. Und obwohl sie ganz ernsthaft die asexuelle Berührung suchen, gehen sie ganz selbstverständlich davon aus, zu erregen. Man spürt es an der Hemmung sich meinen Händen zu überlassen, sie fürchten die Laszivität der Entspannung. Manche kommen seit Jahren regelmäßig, andere kehren nach dem ersten Mal nicht wieder, weil sie mit der Intensität nicht umgehen können, sich der Gefühle schämen, die sich unweigerlich einstellen. Manchmal hilft es, wenn ich in einem Fall, bei dem ich dies merke, Vincent hinzuziehe, mit ihm ein angeblich physisches Problem in ihrer Anwesenheit erörtere und er ein paar Tipps für heimische Entspannungsübungen gibt. Wir sind ein eingespieltes Team. Der Erfolg gibt uns Recht und schlägt sich auf unseren Konten nieder. Denn natürlich sind die Stunden bei mir teuer, wer Erfolg haben will, darf seine Philosophie nicht für kleines Geld verkaufen.

Die wenigen Männer, die sich auf meine Liege verirren, sind entweder Anhänger alternativer Medizin oder aber vom Leben Benachteiligte. Nicht in finanzieller Hinsicht, versteht sich. Sie sind vielmehr Gefangene ihres Leistungsanspruchs, emotional gehemmt, leben in unbefriedigenden Partnerschaften, kommen zu mir, ohne jemals außerhalb davon zu erzählen. Ohne die Fensteraufschrift „Physiotherapie“ würden sie keinen Fuß über meine Schwelle setzen.

Ich tue nichts, was nicht auch ein halbwegs liebevoller Partner tun könnte. Was ich tue folgt einer festgelegten Reihenfolge, einer Art Choreografie der Hände, bei der die Körper den Tanzboden bilden. Ich berühre nicht zart oder verführerisch, arbeite mit der flachen Hand und dem Unterarm. Meine Berührungen sind entschieden, gleichermaßen sanft wie fest, forschend und beruhigend. Ich merke sofort, wenn ich eine Stelle erreiche, die selten oder noch nie berührt wurde. Der Körper erschrickt vor dem Unbekannten, man sieht es ganz deutlich in einer Anspannung, die durch ihn hindurchläuft und in eine unwillkürliche Mimik mündet. Ich vermute dann ein „Trauma“, frage nach Verletzungen, Stürzen, Haltungsbesonderheiten, erfinde eine Verbindung zu einer anderen Körperregion, wenn die Antworten verneinend ausfallen und bearbeite sie gezielt, bis sie sich entspannen, Becken und Nacken loslassen, die Züge sich glätten. Ohne es zu wollen, beginnen die Meisten zu reden, erzählen von ihrem Beruf, der Familie, tasten sich vor zu den Emotionen, den Kränkungen, dem Ärger, bis hin zu Ängsten und Hoffnungen, vertrauen sich im doppelten Wortsinn meinen Händen an. Einmal so weit geöffnet ist es völlig egal, was ich tue, ob ich antworte oder schweige, langsamer oder schneller, mit großer oder nachlassender Intensität arbeite. Hauptsache ich verlasse den professionellen Rahmen nicht, unterdrücke jegliche Bewertung des Gehörten, um sie nicht über Hände und Unterarme unbewusst mitzuteilen. Denn wenn sie sich bemitleidet oder abgelehnt fühlen, kommen sie nicht wieder.

Am schwierigsten sind die Patienten mit Hautschäden. Nicht wegen eines möglichen Ekels, wie Sie jetzt vermuten werden. Es ist ihre Dankbarkeit, die sie mir zum Problem werden lässt. Ich kann sie nicht abwaschen, sie füllt meine Hände, kriecht die Arme hinauf, belagert mich über den Tag hinaus. Viele von ihnen sind seit Ewigkeiten nicht berührt worden, reagieren nicht selten mit Tränen während der Behandlung. Tränen, für die sie sich schämen, die sie jedoch nicht zurückzuhalten vermögen. Nach ihnen drehe ich das Wasser heißer als gewöhnlich auf und seife meine Hände besonders gründlich ein.

Zuhause erwartet mich seit langem niemand mehr. Der Letzte ging, weil es auch ihm an Nähe mangelte. Wie so vielen vor ihm.

»Das ist doch krank!«, warf er mir im Weggehen an den Kopf. »Tagsüber den einfühlsamen Therapeuten geben und abends völlig emotionslos ficken! Nur nicht berührt werden!«

Ich ließ ihn gehen, ging unter die Dusche und wusch mir, wie jeden Abend, die Begegnungen des Tages von der Haut und aus den Handflächen. Die leeren Handflächen trocknete ich mit dem Föhn. Nichts durfte sie berühren, bevor die Nacht jegliche Erinnerung aus ihnen getilgt hatte. Am Morgen stand ich auf, ging wie gewohnt zur Arbeit und ließ sie mir wieder füllen.

An den Wochenenden gehe ich aus, erzähle ich von meinem Beruf, höre und sehe die stets gleichen Reaktionen, die der Irritation folgenden Neugier, die Begehrlichkeit, die sich mindestens für einen One-night-stand ausnutzen ließe, wenn ich daran interessiert wäre, vielleicht sogar ein Anfang von mehr sein könnte. Doch seit dem Letzten bevorzuge ich Sex gegen Bezahlung und das Wissen, er wäscht sich hinterher meine Spuren von der Haut. Ich bin ein Profi, warum also sich mit Laien abgeben?

Ob mir etwas fehlt? Nein, mir fehlt nichts. Was soll mir fehlen?

Warum ich dann den Stricher umgebracht habe?

Weil er gekommen ist. Wo geraten wir denn hin, wenn wir die Grenzen verwischen? Von einem Profi kann ich erwarten, dass er nichts empfindet, sich im Rahmen der Vereinbarung zur Verfügung stellt und mich befriedigt, dafür zahle ich schließlich. Wenn ich so arbeiten würde, wäre ich die längste Zeit Therapeut gewesen.

Sie haben nicht zufällig ein Stück Seife? Ich muss mir die Hände waschen.

 

photo credit: <a href="http://www.flickr.com/photos/94075184@N00/24637065735">Hands and Feet</a> via <a href="http://photopin.com">photopin</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">(license)</a>

Ein Kommentar Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s