19.2. 12.26, ICE Wuppertal/Berlin

Pst!!! Nicht so laut, ich sitze in einem Ruheabteil! Dass es so was gibt, wusste ich bis soeben nicht. Nun weiß ich es, weil jemand sich erdreistete ein leises Telefonat zu führen und dafür von einem anderen Reisenden gerügt wurde.

Ich schreibe lieber etwas kleiner, das liest sich leiser.

Seitdem frage ich mich, ob das kleine Kind zwei Reihen hinter mir davon weiß und wie lange es noch dauert, bis der Nörgler von vorhin bei ihm Ruhe einfordert. So was gibt es bestimmt nur in Deutschland. 

Skandalös! Gerade hat die Zugbegleiterin in Zimmerlautstärke nachgefragt, ob sie etwas für mich tun könne. Ich erschrak und verneinte, vorsichtshalber tonlos.

Unerwünscht scheint auch ein Besuch im Internet zu sein, denn das ICE-Wlan funktioniert ohne Insiderwissen nicht mal ansatzweise. Sicher wegen der Lärmgefahr. Kennt man ja, dieses laute Gestöhne, weil beim Anklicken fragwürdiger Filme nicht schnell genug der Kopfhörer eingestöpselt wird. So gesehen ist die Ruhezone nicht schlecht. Aber ein bisschen fad ist es schon.

Der kleine Jerome Pascal Marvin findet das offensichtlich auch und rennt – unermüdlich gefolgt von seinem Opa – beherzt den Gang rauf und runter, was Opa weniger amüsiert als ihn. In solchen Momenten bin ich dankbar nicht auf so einen niedlichen Zwerg aufpassen zu müssen. Ich darf hier sitzen, lesen, schreiben und die Augen zuklappen, wenn mir danach ist. Aus dem Fenster gucken ist schlecht, ich sitze zwischen zwei Fenstern und schaue auf das lichte, wenig inspirierende Grau der Wandverkleidung. Farbpsychologisch könnte man hier noch was machen.

Gerade kommt mir eine Zeile aus einem Peter Maffay Lied in den Sinn. Spür mich und halt mich und lass mich nicht los. Das nachfolgende Bayhayby, mit eingeschlossen. Schon witzig, was so ein Gehirn aus den Ecken kramt, ohne, dass man es darum gebeten hätte. Nun frage ich mich, aus welchem Lied die Zeile stammt. Eigentlich eine müßige Frage, da ich über wenig Sachkenntnis in Sachen Maffey-Lieder verfüge.

… Es stammt aus „Tiefer“. Ich googelte es via Handy, siehe Wlan, weil mich die Frage sonst in den Wahnsinn getrieben hätte. Nie, so Herr Maffey nach mehr als rätselhaftem Text, war er tiefer, ja tiefer bei ihr. Also, er singt natürlich dir, ich wollte hier nur lieber keine Missverständnisse aufkommen lassen. Subtile Erotik im Pop-Rock-Schlager. Doch lassen wir Herrn Maffey, der ist mir persönlich auch zu klein. Körperlich. Ich wurde erst kürzlich genötigt zur Kenntnis zu nehmen, dass er seine Xte Gattin, ein schon recht juveniles Wesen, gegen eine noch juvenilere, quasi kindliche Gespielin austauschte. Nein, nicht in der Gala, der weiche ich großräumig aus. Ich sprach von Nötigung, es muss also in einer normalen Tageszeitung gestanden haben. Mit Bild: Seine Kernigkeit auf irgendeinem Teppich, die latent dahingehaucht wirkende Neue strahlend an die muskulöse Schulter geflanscht. Society-Mist halt.

Esse ich eine Banane?

So eine Zugfahrt konfrontiert einen pausenlos mit existenziellen Fragen.

Wie lange dauert es noch? Warum sind wir noch nicht da? Wird die Zugbegleiterin irgendwann auf der Welt ausrutschen, die ein unachtsamer Fahrgast unter sich gleiten ließ? Warum sehen Zugscheiben immer aus, als wären ihnen schmutziggraue Tränen einer Kohlenstaubdepression über das ungepflegte Antlitz gelaufen? Absolut senkrechte Mahnmale des Fernverkehrs. Und warum isst jetzt jemand ein derart aromaintensives Salamibrot in meiner Nähe?

Dann doch lieber ein Telefonat:

„Frau Meier, haben Sie schon die Mail an den Xerxes raus? Wenn er erst auf der Bühne erfährt, dass jemand die Pinie gefällt hat, kriegt er mitten im Largo einen Tobsuchtsanfall.

… Müller hat Ersatz geschaffen? Super, dann lassen sie das laufen.

… Einen Ilex?

… Hm, warum nicht?

… Wie groß??!! Dem Müller haben sie doch ins Gehirn geschissen!!! Ich seh schon die Schlagzeile: Xerxes fleht mit blutenden Wunden um Schatten! Selten war eine Inszenierung roher … bla, bla bla. Sie rufen jetzt den Müller an und sagen ihm …„

„Entschuldigung, Sie haben bestimmt übersehen, dass Sie sich hier in einem Ruhebereich befinden  und telefonieren nicht erlaubt ist.“

„Was?! Wo?!“

„Der Ruhebereich. Sie haben bestimmt übersehen …“

„Nein, habe ich nicht, ich bin ja nicht blind! Sie können sich ihren Ruhebereich sonst wo hinschmieren! Nur weil Sie niemanden haben, der mit ihnen sprechen will, wird mir der Xerxes nicht auf der Bühne verbluten. Schieben Sie sich doch ihr Salamibrot in die Ohren, bei dem Gestank eh das Beste, was Sie damit tun können!

… Frau Meier, sie hängen sich da jetzt rein und rufen mich sofort an, wenn es etwas Neues gibt.

… Nein, es ist mir scheißegal, ob dieser Ruheterrorist dann platzt, Sie rufen mich an!!!“

„Unverschämtheit. Schaffner, Schaffner!“

„m ne seh ehtren Fa gäste in Kü er chen wir Han ver haupt hof. An lussmög keit ach  Braun eig und amburg al ona 1.38 glei cht über burg damm or.“

„Jetzt stell doch mal einer diese Scheiße aus!!!

… Nein, nicht sie, Frau Meier, diese dahingekackte Tonscheiße, über die sich dieser Flüsterfetischist besser aufregen sollte als über ein lebensnotwendiges Telefonat.

… Ich komme runter, wann es mir passt!!!!!!!!!!!!! …“

Dear Pas äng s, Han ver haupt hof. Con ing  Braun eig and amburg al ona 1.38 glei eight burg damm or. ank u for trave with tsche Bahn. 

 

Noch eineinhalb Stunden.

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