Februarkälte

Es gibt Themen, die setzen sich in mir fest. Berührung ist eines davon. Nicht nur, weil sie elementarer Bestandteil von Beziehungen sind, die nun mal mein Hauptthema sind. Gerade in diesen Tagen, in denen sich die Nachrichten in einer Endlosschleife mit der‚Flüchtlingskrise’ – ein unerträglich inflationäres Wort, das mehr unsere Probleme als die der Flüchtenden fokussiert – wächst in mir der Wunsch etwas Zärtliches zu schreiben. Denn wenn uns etwas unabhängig von unserer Herkunft eint, ist es das Bedürfnis nach Berührung, körperlicher und emotionaler. Noch suche ich nach einer geeigneten Form. Darum hier eine Übung aus dem letzten Jahr, die sich dem Thema sehr körperlich und direkt widmet. Nichts, sage ich Euch, ist schwieriger zu beschreiben als die körperliche Liebe.

Nur für den Bruchteil eines Momentes berührt er ihren Arm, um sie auf die Szene am Nachbartisch aufmerksam zu machen. Die Berührung jagt ihr einen Schauer über die Haut, der sie aus dem eben noch unverfänglichen Gespräch katapultiert. Sie  sieht ihm in die Augen, deren Pupillen sich begehrlich weiten und jede Einzelheit ihres heftigen Errötens registrieren.

»Wollen wir gehen?« Ohne ihre Antwort abzuwarten,  wirft er ein paar Scheine auf den Tisch, steht auf und zieht sie zum Ausgang.
Draußen auf der Straße drückt er sie mit dem Körper gegen die Wand und küsst sie. So, dass die Februarkälte keine Chance erhält, sie in Besitz zu nehmen. Seine Hand fährt unter ihren Rock, sie schlingt das Bein um ihn, vergisst, dass man sie dort sehen kann, dass jeder, der vorbeikommt, oder auch nur einen beiläufigen Blick aus einem der gegenüberliegenden Fenster wirft, zwangsläufig zum Voyeur wird. Weder diese Öffentlichkeit, noch der Schmerz an ihrem Hinterkopf, der sich an der Wand reibt, dringt wirklich in ihr Bewusstsein. Sie will nur küssen, geküsst werden, so, beinahe gewaltsam, gierig und fordernd. Abrupt hört er auf, lehnt schwer atmend seine Stirn an ihre, greift in ihren Mantel, den sie in der Eile des Aufbruchs nicht geschlossen hat, und streichelt ihre Brüste.

»Gegenüber ist ein Hotel.« Er wendet den Kopf die Straße runter, um ihren Blick auf die Leuchtreklame zu lenken. Sie folgt ihm und nickt.
»Komm!« Wieder nimmt er sie an der Hand und zieht sie mit sich, eilt mit ausholenden Schritten auf die Drehtür des Eingangs zu. Der Portier ist zu müde, um sich über späte Gäste zu wundern, oder ist es gewohnt, dass mitten in der Nacht Pärchen auf der Suche nach einem Bett auftauchen. Das Zimmer liegt im ersten Stock zur Straße hinaus. Den winzigen Aufzug lassen sie links liegen, nehmen die Treppe, in der abgestandene Essensgerüche an den zurückliegenden Tag erinnern. Hinter der Zimmertür werfen sie die Mäntel ab, streifen die Schuhe von den Füßen, öffnen hektisch Gürtel, Knöpfe und Reißverschlüsse.
»Lass das an!«, verlangt er, als sie zuletzt das Unterkleid ausziehen will.
Sie gehorcht, lässt sich küssend zum Fenster dirigieren, wo er sich seiner restlichen Kleidung entledigt und im diffusen Licht der Straßenbeleuchtung endlich nackt vor ihr steht. Er tritt hinter sie, greift nach ihrer Hand, umschließt sie mit seiner deutlich kräftigeren, und führt sie zwischen ihre Beine. Mit sanftem Druck schiebt er dieübereinanderliegenden Hände tief in ihren Schoß.
»Entspann dich«, fordert er sie auf, befiehlt es nahezu. Der Geruch des Espressos, den er vor dem hastigen Aufbruch getrunken hat, begleitet seinen Atem, vermischt mit dem des Grappas und des Weines. Er streift ihre Brust; die Berührung setzt sich unter der Haut fort, fließt in ihre Hände und löst ihre Verkrampfung.
»Ja, so ist es gut«, lobt er und erzeugt vibrierend konzentrische Wellen in ihrem Unterleib. Mehr, denkt sie, ich will mehr. Sein Eindringen beglückt und überfordert sie gleichermaßen. In ihrem Kopf stürzen die Bilder übereinander: seine Hände, sein Mund, seine helle Haut, seine Finger auf ihrem Unterarm. Jeder Muskel ihres Körpers spannt sich an und in den Tiefen ihres Beckens wächst ein Uferloswerden, das für den Bruchteil einer Ewigkeit alles Denken ausschaltet, sie nur noch Körper sein lässt.

Erschöpft lösen sie sich voneinander, fallen aufs Bett, wo sich ihr Atem langsam beruhigt und sie zum ersten Mal die Kälte des Raumes verspüren. Sie ziehen die Decke über sich und schauen schweigend in das Blau des Zimmers.
»Ich muss gehen.«
Sie steht auf, sieht aus dem Fenster, anstatt nach den auf dem Boden liegenden Sachen zu greifen. Er streckt sich nach ihr, zieht sie zu sich heran und fährt mit dem Unterarm ihre Schenkel hinauf, achtet sorgsam darauf, sie nur mit den Haaren und nicht mit der Haut zu berühren, beobachtet ihr Gesicht, auf dem sich Entzücken ausbreitet, als es ihr gelingt, das kaum fühlbare Streicheln wahrzunehmen.
»Wirst du wiederkommen?«, fragt er.
Sie sieht ihn an, denkt an seine Hand auf ihrem Arm, mit der es begann und wegen der sie wiederkommen wird.
»Wann?«, fragt sie.
»Nächste Woche, gleiche Zeit, selber Ort?«
»Ja«, antwortet sie und beginnt sich anzuziehen.
Er sieht ihr zu, wie sie den Rock schließt, die Bluse zuknöpft, den Mantel darüber zubindet und zur Tür geht.
»Nächste Woche«, wiederholt sie zum Abschied. In der Tür dreht sie sich noch einmal um, nimmt sein Bild mit hinaus auf die Straße, auf der die Februarkälte sie in Besitzt nimmt.

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