Baby

Zum neuen Jahr gab es eine Absage. Darum hier die in „Warum nicht“ angesprochene Geschichte vom Apotheker. Damals eine echte Übung: Gelingt es mir, eine unschöne Geschichte zu schreiben, eine, mit dem man als Person und Autorin nur ungern identifiziert würde? Ob es gelungen ist? Lest selbst.

 

„Hast du an die Reibekuchen gedacht?“ Der Tonfall verhieß nichts Gutes. Er beeilte sich zu antworten.
„Ja, ich bringe sie sofort!“
Hastig entledigte er sich der Jacke und streifte die Straßenschuhe von den Füßen.
„Seit Ewigkeiten warte ich darauf, dass mein Herr Sohn sich erbarmt, mir etwas zu essen zu bringen.“
Er schüttelte sich die Schneeflocken aus dem Haar und lief die Treppe hoch.
„Ob unsereins zu Hause rumliegt und hungert, ist ja nicht von Belang, wenn man nur öffentlich den Samariter geben kann.“
„Entschuldige, Mutter!“, rief er, noch bevor er ihre Zimmertür erreicht hatte. „Ich soll dich von Dr. Westmüller und seiner Frau grüßen.“
Vor der Tür atmete er einmal tief durch bevor er eintrat. Sie lag auf dem Sofa, Kissen und Zeitschriften um sich verteilt, die Frühstücksreste auf dem Tisch, der Fernseher lief. Wie jedes Mal wurde ihm flau, als er in den Raum trat. Ein durchdringender Geruch nach Schweiß und Urin ging von ihr aus. Er überlegte, wie er es anstellen konnte, das Fenster zu öffnen und frische Luft herein zu lassen.
„Westmüllers, so so.“ Ihre Mine hellte sich auf.
„Ja, sie fragten, ob es mit dem Rücken besser sei. Dr. Westmüller empfahl unbedingt Physiotherapie.“
Als er sah, wie sich ihr Gesicht verfinsterte, bereute er die Erwähnung der Physiotherapie.
„Das empfiehlt er also. Und du hast ihm vermutlich Recht gegeben und über deine Mutter gejammert. Sie lässt sich so hängen, du musst alles übernehmen.“
Erstaunlich schnell schwang sie die Beine vom Sofa und setzte sich auf. Das Nachthemd verrutschte und gab die Schenkel bis zum Schoß hinauf frei. Ein säuerlicher Lufthauch folgte der Bewegung und bestätigte ihn in der Vermutung, dass sie sich wieder nicht gewaschen hatte. Er räumte das Frühstücksgeschirr zur Seite und stellte ihr Reibekuchen und Apfelmus hin.
„Was wisst ihr schon! Ich kann mich vor Schmerz kaum rühren und die Herren klugscheißern rum. Der Westmüller wird sich noch umgucken. Und seine Schnepfe von Frau ist keinen Deut besser. Immer alles besser wissen und die Augenbrauen affig hochziehen. “
Sie griff nach der Gabel und stocherte im Essen herum.
„Die waren schon besser. Ich weiß gar nicht, warum die Leute euch das Zeug abkaufen. Vermutlich tun sie das gar nicht, und du machst dir in deiner Feuerwehrbude einen Lenz, anstatt dich hier nützlich zu machen.“
Aufräumen, er konnte aufräumen und so tun, als würde er das Fenster zum Staub abklopfen öffnen. Je eher, je besser.
„Hast du etwas dagegen, wenn ich kurz das Fenster aufmache um deine Strickjacke auszuschütteln? Sie ist voller Krümel.“
Die Antwort viel unverständlich aus. Er hob die Jacke auf, stapelte ein paar Zeitschriften und näherte sich dem Fenster. Draußen war es kalt, lange würde sie ein offenes Fenster nicht dulden. Er öffnete beide Flügel um möglichst viel Sauerstoff in den Raum zu lassen und wedelte mit der Jacke nach draußen. Schon ging es los.
„Willst du mich umbringen? Mach das bloß wieder zu, ich hole mir ja den Tod. Das könnte dir so passen. Auf die Apotheke wirst du schon noch warten müssen. Noch gehört sie mir.“
Er fächelte weiter. Jede Sekunde zählte.
„Nun mach schon das Fenster zu!“ Sie drehte sich zu ihm um und stieß dabei mit dem Fuß gegen den Tisch. Teller, Gläser und Essensreste landeten auf dem Boden.
„Jetzt guck dir an, was du angerichtet hast. Zu nichts bist du zu gebrauchen!“
„Steh nicht da wie ein Ölgötze, mach die Schweinerei weg. Los, beweg dich! Oder muss ich selbst aufstehen?“
„Lass nur, Mutter. Ich mach das schon. Entschuldige, ich hatte nicht bedacht, wie kalt es draußen ist.“ Er schloss das Fenster. Das Apfelmus breitete sich auf dem Boden aus und lief beinahe in die Pantoffeln. So schnell er konnte, beseitigte er das entstandene Chaos und reinigte anschließend den Boden, ohne dass sie nur für eine Minute aufhörte vor sich hin zu schimpfen. Die ganze Zeit hoffte er, dass sie über diese Litanei die am Morgen eingeforderte Fußpflege vergessen würde. Baby würde sonst noch länger auf ihn warten müssen.

Es sollte noch dauern, bis Baby und er zusammenkommen konnten. Nach dem Aufräumen wollte sie gewaschen, eingecremt und angezogen werden. Warum sie am Nachmittag noch darauf bestand, vom Nachthemd in Rock und Bluse zu wechseln, war ihm ein Rätsel. Sie ging ohnehin nicht vor die Tür. Er hasste es sie anzuziehen. Waschen und Eincremen waren noch schlimmer. Er selbst war dünn bis fast zur Ausgezehrtheit. Seine langen Finger auf ihrem teigigen Fleisch kreisen zu sehen, verursachte ihm Übelkeitsgefühle, die er kaum ertragen konnte. Seit ein paar Tagen schluckte er ein Mittel gegen Übelkeit wenn sie gewaschen werden wollte. Es half, er musste sich hinterher nicht mehr übergeben. Endlich war es geschafft. Sie war angezogen, lag auf dem Sofa und begann zu dösen. Wenn er jetzt keinen Fehler machte, war er gleich befreit.

So leise er konnte stapelte er das Geschirr auf das Tablett und schloss die Tür hinter sich. In der Küche räumte er Tassen und Teller in die Spülmaschine und überlegte, was er mit dem freien Tag anfangen sollte. Jetzt, wo nichts mehr zwischen ihm und Baby stand, wollte er den Besuch lieber noch etwas hinauszögern. Sie könnte ruhig auf ihn warten, musste nicht immer direkt kriegen, was sie wollte. Von ihr würde er sich nicht  rumkommandieren lassen. Lieber wäre ihm, wenn schon Montag wäre. Dann könnte er sich jetzt wieder auf den Weg in die Apotheke machen. Freie Tage brauchte er nicht. Wofür auch. Nur wenn ein besonders aufwühlender Fall seine Beratung suchte, drängte es ihn Baby einen außerordentlichen Besuch abzustatten. Sollte er noch einmal zum Feuerwehrfest gehen? Nein, es reichte, wenn er am Abend zum Kassensturz wieder dabei war. Was sollte er dort ohne zugewiesene Aufgabe großartig tun. Auf einen abendlichen Vortrag, weil er nach Bier roch, hatte er keine Lust. Wie hatte sein Vater diese Tiraden nach jedem Kneipenbesuch nur ertragen? Er selbst bevorzugte Wodka. Wodka konnte er trinken, ohne durch eine Fahne aufzufallen. Wodka machte ihn locker. Er nahm aus dem Küchenschrank eines der Wassergläser, holte die Flasche aus dem Gefrierschrank und füllte es bis zur Hälfte. Zwei davon und Baby würde ihr blaues Wunder erleben. Auf dem Tisch lag noch die Zeitung. In der Gesundheitsbeilage stand wieder jede Menge Schrott. Interessant war einzig der Artikel über basische Fußbäder. Er würde morgen direkt welche ordern. Egal wie abstrus die Behauptungen über die Wirkung waren, morgen würde das Zeug nachgefragt werden. Er wäre blöd die Gelegenheit nicht zu nutzen. Beinahe hätte er die Anzeige für ein Mittel gegen Lippenherpes übersehen. Das Mittel kannte er, das Bild war neu. Und schlecht. Völlig untertrieben glänzte ein winziges Bläschen an einer ansonsten makellosen Unterlippe. Kein Vergleich mit dem weißlichen Schorf, den er erst letzten Dienstag auf den Lippen von Frau Gerdes hatte bewundern dürfen. Sie war ganz verzweifelt gewesen und hatte sich direkt im Laden etwas von seiner Spezialcreme darauf tupfen lassen. Dabei hatte sie erzählt, eine Raststättentoilette sei der Auslöser gewesen. Die Schlampe. Hielt ihn für völlig verblödet.

Die Erinnerung brachte ihn in Rage. Selbst Baby erzählte so eine Scheiße. Er kippte den Rest des Wodkas in einem Zug herunter und goss sich einen neuen ein. Diesmal ein fast volles Glas. Er wusste woher die Krusten kamen. Und dass sie allesamt verlogen waren. Denn in Wirklichkeit waren sie geil auf das Zeug. Baby jedenfalls hatte vor Begeisterung laut gequietscht, als er Dienstagnachmittag bei ihr hereingeschaut hatte.

Er schaltete den Laptop ein. Der Wodka machte sich mit der vertrauten Trägheit bemerkbar. Um Baby verpassen zu können, worauf sie scharf war, mussten ein paar Bilder her. Mit der rechten Hand klickte er sich durch seine Lieblingsseiten, mit der Linken griff er sich in den Schritt. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten. Wenn Mutter wüsste, was er für ein Tier sein konnte, würde sie ihre Scheißfresse vor Staunen nicht mehr zu bekommen. Er war keines dieser Würstchen, die nur einen hoch bekamen, wenn sie sich die blauen Helferchen einschmissen, deren Verschreibungen sie mit hochroten Ohren bei ihm einlösten. Von ihm könnten sie was lernen. Aber auf die Idee, sich von ihm einen Rat zu holen, kamen sie ja nicht. Lieber fragten sie die Westmüllers dieser Welt. Der mit seiner aufgeblasenen, frigiden Kuh. Bei der mit ihrem verkniffenen Mund bekäme er ebenfalls keinen hoch. Der letzte Schluck im Glas war schon fast zu warm, um noch gut zu schmecken. Weg damit. Er schüttelte sich und klappte den Laptop zu. O.k., Baby, es kann losgehen. Er nahm die Flasche und ging hinüber in sein Zimmer, wo sie auf dem Sessel bereits auf ihn wartete.

„Was denn? Du willst es auf dem Sessel?“
Das konnte sie vergessen, er sagte wo es lang ging. Ohne auf ihre Zicken einzugehen, zerrte er sie zum Schreibtisch und band ihre Handgelenke an den Haken fest, die er eigens für diese Zwecke auf die Platte montiert hatte.
„Stell dich nicht so an!“
Die Beine festzuschnallen war nicht so leicht. Wenn er nicht aufpasste, trat sie ihm dabei ins Gesicht. Diesmal traf sie nur knapp neben seinen Kopf. Er rappelte sich auf und betrachtete sein Werk. Ihre Unzufriedenheit ärgerte ihn.
„Du undankbares Stück!“, fuhr er sie an und nahm einen Schluck aus der Flasche. Etwas mehr Dankbarkeit konnte er schon erwarten, schließlich war es auch für sie geiler so. Aber es war immer dasselbe. Erst rumjammern und Theater machen, um ihn am Ende anzuflehen, es ihr zu besorgen,wie eine läufige Hündin. Er würde ihr zeigen, wo der Hammer hing. Zwischen den beiseitegeschobenen Utensilien schimmerte die Schere und brachte ihn auf eine Idee. Es war Zeit für ein paar andere Klamotten. Er könnte ihr Mutters Strickjacke anziehen. Die Vorstellung, das verhasste Teil mit milchigen Krusten zu übersähen, gefiel ihm. Er griff nach der Schere.
„Halt still, oder willst du, dass ich abrutsche!“
Erst die Bluse, die spannte ohnehin viel zu sehr über ihren Riesentitten. Vorsichtig streichelte er mit der Schere über die glatte Haut. Ihr Brustkorb hob und senkte sich.
„Ja, das ist gut, nicht wahr. Aber warte, bis ich dir den Rock aufgeschlitzt habe.“

Unter dem Rock trug sie nichts. Er musste ihr unbedingt ein paar Dessous besorgen. Nicht diese Ungetüme, die seine Mutter im Schrank hatte und vor denen sein Vater zu Baby in den Keller geflohen war. Bei ihm ging es Baby besser als bei seinem Vater, er verwöhnte sie in jeder Beziehung. Mehr als einmal hatte sie ihm schon gesagt, er sei der bessere Stecher. Größer, härter. Er konnte öfter und länger. Wenn er daran dachte, wie schnell sein Vater immer gekommen war, musste er lachen. Manchmal hatte er es fast nicht schnell genug auf seinen Beobachtungsposten geschafft, um dem Schauspiel beizuwohnen. Und dann diese lächerliche Menge, die der Alte abgespritzt hatte. Für eine ordentliche Kruste an Babys Lippen hatte er zwei bis drei Anläufe gebraucht. Ein Schluck noch, dann war sie fällig.

„Hat man so was schon gesehen!“
Er fuhr herum.  Das Gesicht hochrot stand sie in der Tür und starrte ihn an. Verdammt, wie kam sie nach unten? Was wollte sie hier? Impulsiv stellte er sich vor Baby.
„Was bist du doch für ein widerwärtiges Schwein!“
Sie setzte sie sich in Bewegung und kam direkt auf ihn zu. Das Gesicht angewidert verzogen, so, wie er es aus den Streitereien mit seinem Vater noch kannte. „Ganz der Herr Papa, was?! Heimlich Gummipuppen ficken, weil man bei richtigen Frauen keinen hochkriegt. Und?“ Sie schob ihn zur Seite und stand vor dem Schreibtisch, auf dem Baby sich verzweifelt zu befreien versuchte.
„Hast du es ihr schon besorgt oder störe ich? Damit wirst du wenig Eindruck machen können.“ Sie wies auf seine offenen Hosenstall und grinste, als er sich zur Seite drehte, um ihn zu schließen. Neugierig inspizierte sie Baby. „Sieht mittlerweile ganz schön mitgenommen aus.“ Sie lachte. „Dein Vater hat sie schon ziemlich malträtiert, aber so durchgenudelt war sie eindeutig noch nicht, als er den Löffel abgegeben hat.“

Sein Magen zog sich zusammen. Baby war es nie besser gegangen als bei ihm. Er badete sie, rieb sie mit Latexmilch ab und gab es ihr, so oft sie danach verlangte. Nicht nur alle paar Tage, oder sogar nur noch alle paar Wochen, wie sein Vater am Ende.
„Guck dir das an.“ Ihre fetten Finger kniffen Baby in die Nippel. „Die Dinger sind schon ganz spröde. Einmal zu fest gebissen und der Spaß ist vorbei.“

Ein taxierender Blick traf ihn und blieb an der Schere in seiner Hand hängen. Wieder überraschte es ihn, wie schnell sie sich bewegen konnte, wenn sie wollte. Bevor er realisiert hatte, was sie plante, riss sie ihm die Schere aus der Hand und stach auf Baby ein, perforierte förmlich die makellose Haut mit Stichen.
„Na, was sagst du nun?“ Triumphierend warf sie die Schere neben die sich leerende Hülle.„Aus die Maus. Keine heimlichen Ficks mehr! Stattdessen  mehr Zeit, um dich um deine Mutter zu kümmern. Schluss mit dem aufgeblasenen Luder. Pffff!“  Sie lachte gackernd. In seinen Ohren dröhnte die entweichende Luft wie ein Orkan, entzog ihm jegliche Wärme und hinterließ Wut, kalte, schneidende Wut. Er sah von Baby zu seiner vor Vergnügen fast wiehernden Mutter. Ihr unförmiger Körper bebte vor Vergnügen und Schadenfreude. Nicht eine Sekunde kam es ihr in den Sinn, dass er sich gegen sie zur Wehr setzten könnte. Je mehr Baby verfiel, desto klarer erkannte er, ohne Baby konnte, wollte er nicht mit ihr leben. Er hatte genug von ihr, endgültig genug. Er würde sie perforieren, wie sie Baby perforiert hatte. Er würde ihr Löcher in den Balg rammen, bis nur noch Luft käme. So wie bei Baby.

Er griff zur Schere und stach zu. Entsetzt wich sie zurück. Völlig teilnahmslos sah er das Blut aus ihrer Brust quellen und stach noch einmal zu. Sie schrie und schlug nach ihm. Diesmal würde er gewinnen. Nie wieder würde sie ihn herumkommandieren. Immer wütender stieß er zu, hieb die Klinge in Bauch und Brust, Arme, Hals, trieb sie vor sich her zur Tür, wo sie fiel. Je mehr Blut floss, desto wilder stach er zu, bohrte sich in ihr Fett, wühlte in den Wunden. Irgendwann würde nur noch Luft kommen. Irgendwann würde sie genauso flach und faltig daliegen wie Baby. Irgendwann würde sie aufhören zu schreien und um sich zu schlagen. Irgendwann würde sie still sein. Irgendwann.

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