Adeste Fideles

Manchmal will eine Geschichte einfach nicht gelingen. Sie fängt gut an, wird aber einfach nicht rund. So war es mit dieser Dezembergeschichte. Weihnachten, Einsamkeit ohne Tränenrührigkeit, eine Begegnung, eine nette Geste, es vereinte sich nicht. Irgendwann entschied ich, die erfolglosen Verbesserungsversuche einzustellen und sie nur noch als Übung zu betrachten. In dem Fall für die neutrale Erzählperspektive. Eine Erzählform, die man fast nie nutzt. Am Ende wurde sie damit noch ein kleines bisschen weihnachtlich. Und sei es auch nur, weil sie mich zur Reduktion zwang und mir damit eine paar Aha-Erlebnisse bescherte.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich schöne Weihnachten. Mögt Ihr mindestens einen Menschen um Euch haben, dem Ihr – und der Euch – gern eine Freude macht.

Lesung

»Reisen Sie auch nie ohne Föhn?«
Sein Glas stockte auf dem Weg zum Mund.
»Interessant, dass sie das fragen. Normalerweise nicht, diesmal habe ich ihn leider vergessen.« Er fuhr sich mit der Hand über den kahlrasierten Schädel und betrachtete sie im über der Bar hängenden Spiegel. Zu einem roten Kleid trug sie derbe Stiefeletten, die ihre nicht besonders langen Beine optisch noch verkürzten. Das asymmetrische, gleichermaßen von Augen und Mund dominierte Gesicht war kaum geschminkt.
»Sie Armer!« Sie prostete seinem Spiegelbild zu. »Was schätzen Sie, wie lange habe ich mit diesem … Ding gebraucht, um das hier hinzubekommen?« Die glasfreie Linke wies auf ihr verstrubbeltes Haar. »Oder sind Sie vielleicht ein Vertreter des Herstellers?«
»Welchen Herstellers?« Er wandte sich ihr zu.
»Dem weltweit führenden Hersteller für Hotelföhns der Marke ‚ich will nicht zu viel Wind machen’.« Sie kippte ihren Martini zur Hälfte runter, setzte ihn unsanft auf dem Tresen ab und sah ihn ebenfalls direkt an. »Dann Gratulation! Sagen Sie mir, wie schafft man es, so wenig laue Luft so flächendeckend am Markt zu platzieren? Wissen Sie, dass ich selbst in dem aufgeblasensten Fünf-Sterne-Bunker noch nie einen Föhn vorgefunden habe, der diesen Namen verdient? Einzige Ausnahme war eine kleine Pension, die man aus anderen Gründen lieber nicht wieder aufsucht.«
»Ich fürchte, Sie übertreiben ein wenig.«
»Ich übertreibe?! Bitte, sie können gern mit hochkommen und diesen Badezimmerhurricane ausprobieren.«
Der Martini wurde noch einmal ähnlich schwungvoll gekippt, wie beim ersten Schluck.
»Gott bewahre, es lag mir fern Ihre Föhnkompetenz in Frage zu stellen. Dies umso weniger, als ich mit dem Vertrieb der von Ihnen bemängelten Ware nichts, aber auch rein gar nichts zu tun habe.«
Zurückgelehnt, über den Rand ihrer dunklen Hornbrille schauend, taxierte sie ihn.
»Na dann. Wissen Sie, wir sollten uns gemeinsam beschweren gehen. So geht das doch nicht. Und wenn wir schon mal dabei sind, können wir uns auch direkt über das Beleuchtungskonzept beschweren. Ich musste meinen Kajal nach Gefühl auftragen.«
»Dafür ist es gut gelungen. Kompliment.«
»Wie wollen Sie das beurteilen? Sie wissen doch gar nicht, wie ich sonst aussehe. Aber das ist wieder mal typisch: Immer ein oberflächliches Kompliment zur Hand, nur nicht konkret werden. Was sagen Sie zu meinem Augenmakeup?«, wandte sie sich an den Barkeeper, der statt einer Antwort lediglich ein Lächeln in ihre Richtung schickte, während er mit einem Drink in der Hand an das andere Ende des Tresens ging.
»Entschuldigen Sie, aber ich finde, Sie tun mir Unrecht. Mein Kompliment bezog sich auf Ihr Geschick, Ihr Make-up trotz der Badezimmerzumutung, ohne sichtbare Fehler hinbekommen zu haben. Sehen Sie mich an, ich habe vorsichtshalber ganz auf Make-up verzichtet.«
Sie lachte auf den Tresen hinunter.

»Darf ich fragen, was Sie ausgerechnet an diesem Abend hierher verschlagen hat?«, fragte er. »Föhn und Beleuchtung scheinen es ja nicht gewesen sein.«
Das eben noch um die Augen sichtbare Lachen verschwand.
»Sie dürfen.«
Doch statt einer Antwort, widmete sie sich wieder ihrem Martini. Der Barkeeper legte andere Musik auf. Melancholische Tönen in einer fremden Sprache erklangen. Summend drehte sie ihr Glas zwischen den Fingern.
»Sie kennen die Musik?«
»Ja.«
Wieder blieb sie einsilbig, stimmte stattdessen mit einem klangvollen Alt in den Gesang ein.
»Sie haben eine sehr schöne Stimme«, sagte er, als sie geendet hatte. Sie warf erst dem Barkeeper, dann ihm ein Lächeln zu.
»Danke.«
»Was ist das für ein Stück? Ich habe es noch nie gehört. Auch die Sprache nicht. Spanisch war es nicht, oder?«
»Beinahe. Es ist Judeospanisch, die Sprache der im 15ten Jahrhundert aus Spanien in die Türkei vertriebenen Juden.«
»Die Sprache Ihrer Vorfahren?«
»Nein, ich kenne nur dieses Lied. Ein Lied wie eine Umarmung, finde ich. Ein Innehalten für drei Minuten. Wir tun das viel zu selten«
»Uns umarmen?«
»Oh nein, das tun wir mehr oder weniger oft. Nur innehalten tun wir dabei meist nicht.« Sie hob das Glas in seine Richtung. »Und ehe wir uns versehen, ist niemand mehr da, den man umarmen kann.«
»Sind sie hier gestrandet, weil niemand da ist, der Sie an einem Tag wie diesem umarmt? Erlauben Sie?« Fragend wies er auf ihr Glas und gab dem Barkeeper ein Zeichen, die Gläser noch einmal aufzufüllen.
»Stellen Sie Frauen, die mit ihnen über Haartrockner reden wollen immer solch indiskrete Fragen?«
»Nur Frauen, die mit mir über Haartrockner reden wollen. Auf Ihre wunderbare Stimme, zum Wohl.«
»Zum Wohl. Antworten die Befragten entsprechend indiskret? Ist ihnen das nicht zu riskant? Da kann ja wer weiß was bei raus kommen.«
»Ach, wissen Sie, in meinem Beruf wird man mit Indiskretionen im Übermaß konfrontiert, da kann einen wenig schockieren.«
»Was machen Sie? Nein, lassen Sie mich raten«, kam sie seiner Antwort zuvor. »Sie sind … Polizist. Sitte? Oder Mord?«
Lächelnd schüttelte er den Kopf. »Weder noch. Ich bin Priester.«
Ihre Brauen wanderten nach oben.
»Was ist passiert, hat Gott sie versetzt? Ausgerechnet heute, das ist nicht nett von ihm!« Sie verzog missbilligend den Mund. »Er muss doch wissen, was das für ihre Frisur bedeutet.«
»Wenn es mal nur die Frisur wäre.«
»So schlimm?«, fragte sie.
Er lächelte. »Normalerweise frage ich das.«
»Normalerweise föhnt man sein Haar an diesem Abend ja auch zu Hause und nicht in einem Hotel.«
»Das stimmt, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich hier gar kein Zimmer. Ich wollte vor der Mitternachtsmesse nur eine Zeit für mich sein.«
»Oh, dann tut es mir leid, wenn ich Sie dabei gestört habe.«
»Nein, das muss es nicht. Im Gegenteil, Ihr Föhnproblem war eine originelle Ablenkung.«
»Ich fürchte, ich muss etwas gestehen. Auch ich flüchte nur vor der allgegenwärtigen Idylle in diesen Hort für urbanes Strandgut. Kein Zimmer, kein Föhn. Ich komme seit Jahren Heiligabend hierher. Frank«, sie deutete auf den Barkeeper, »sorgt ganz zauberhaft für mich. Er führt sogar meine Lieblingsmusik.« Eine angedeutete Kusshand flog ans andere Ende des Tresens.

In seiner Jackentasche meldete sich der Wecker des Handys.
»Sie wissen, dass Ihre Jacke brummt?«, fragte sie, als er nicht darauf reagierte.
»Es lässt sich leider nicht überhören.« Er griff in die Innentasche und schaltete das Gerät aus. »Eigentlich müsste ich los, die Messe vorbereiten.«
»Aber?«
Er sah sie einen Moment an, ohne etwas zu sagen, signalisierte dem Barkeeper, zahlen zu wollen und stand auf, um seinen Mantel anzuziehen.
»Würde ich Sie nachher noch hier antreffen?«, fragte er ihr die Hand reichend.
»Das wird leider nicht möglich sein. Frank schließt bald.«
Mit einem Lächeln erhob sie sich und griff ebenfalls nach ihrem Mantel. Zuvorkommend half er ihr hinein.
»Würden Sie mich begleiten?«, fragte er.
»Gilt die Einladung auch, wenn ich Ihnen sage, dass ich nicht religiös bin?«
»Ach wissen Sie, das trifft auf neunzig Prozent der heutigen Besucher zu. Sie wären also in Gesellschaft.«
»Auch der Ihren?«
»Wenn ich das wüsste, wären wir uns heute sicher nicht begegnet.«
Sie verabschiedete sich mit einem Winken vom Barkeeper.
»Bis nächstes Jahr, Frank. Danke für den Abend. Frohe Weihnachten.«
»Immer gern. Auch Ihnen schöne Weihnachten.«

Draußen war es mild für die Jahreszeit. Ein Weihnachtslied summend hakte sie sich bei ihm ein.
»Kennen Sie das Adeste Fideles?«, fragte er, als sie vor der Kirche ankamen. Zu ihm aufschauend nickte sie. »Würden Sie mir die Freude machen, es gleich mit der Gemeinde und mir zu singen?«
»Warum ausgerechnet dieses Lied?«
Zu Boden blickend spielte er mit den gusseisernen Kirchenschlüsseln.
»Sie lachen mich nicht aus?«
Schmunzeln hob sie die Hand zum Schwur.
»Versprochen.«
»Es ist etwas sentimental« Er kratzte sich am Hinterkopf. »Meine Mutter sang es früher, wenn wir uns auf den Weg zur Christmette machten. Wir versammelten uns im Flur, jeder bekam von meinem Vater ein Glas mit einer Kerze in die Hand, die er feierlich entzündete während unsere Mutter dazu sang.« Er schloss die Tür auf. »Ihre Stimme ähnelt der meiner Mutter. Würden Sie das tun?«
»Gern«, antwortete sie ihm über den Arm streichend und betrat die Kirche.

Von ihrem Platz im Seitenschiff konnte sie das gesamte Kirchenschiff überblicken. Ab und an sah man während der Predigt jemanden hinter vorgehaltener Hand gähnen. Der Gemeindegesang klang trotz der vollen Reihen dünn. Den Blick auf das Gesangbuch geheftet, stand er vor dem Altar und sang. Als sie bei der zweiten Strophe in den Gesang einstimmte sah er auf und lächelte.

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