Sag Nein!

Eigentlich wollte ich auf diesen Seiten fiktiv bleiben.
Eigentlich sollen sie nur unterhalten. Dabei mal heiter, mal vielleicht auch etwas nachdenklich machen.

Doch heute ist Montag.
Der erste Montag nach einem Terroranschlag, der mich, wie die Meisten, nicht kalt lässt.

Wie geht man um mit diesem Grauen, dem Entsetzen, der Trauer, der Hilflosigkeit? Reicht es aus, ein Zeichen zu setzen, sein Profilbild mit den Farben der französischen Flagge zu hinterlegen, einen Trauerflor unter die Googlesuchmaske zu setzen oder, wie ich, auf die eigene Internetseite? Was ändert sich durch all diese Zeichen? Und warum nur die französische Flagge? Müssen wir sie nicht ergänzen um die Flaggen für die Opfer aus New York, Moskau, London, Boston, Madrid, Rias, Kopenhagen, Oslo, Kenia, Bali, Djerba, und vielen weiteren Orten, an denen Terroristen Menschen das Leben genommen haben? Und dies ist nur ein Teil der Liste, seit die Welt 2001 den Atem angehalten hat.

Müssen wir nicht eine eigene Flagge haben, die wir hissen können, sobald irgendwo auf der Welt eine terroristische Gruppe, ein Einzeltäter, der Welt einen Willen aufzwingen will? Eine Flagge, mit der wir uns solidarisch erklären mit den Opfern und ihren Hinterbliebenen und uns rückhaltlos bekennen zu einem menschlichen Miteinander in Frieden und Toleranz. Eine Flagge, die alle vereint, die sich diesen Werten verpflichtet fühlen und sich gegenseitig in ihrem Glauben daran bestärken wollen. Die sich nicht vereinnahmen lassen wollen von Angst und Ressentiments gegenüber Andersdenkenden und Andersglaubenden. Die ein Wir leben wollen, das jeden einschließt, der Vielfalt als Bereicherung erkennt.

Mir fällt in diesen Tagen eine Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert ein. „Dann gibt es nur eins!“ Sie gilt als sein Vermächtnis, der letzte Text, den er 1947 vor seinem frühen Tod verfasst hat. Gerade 26 Jahre war er zu diesem Zeitpunkt. Körperlich krank und tief traumatisiert. Ein Opfer von vielen, die der zweite Weltkrieg in Massen produziert hat. Trotzdem hat er in der kurzen Zeitspanne, die ihm zwischen Kriegsende und Sterben blieb, zahlreiche Texte geschaffen, deren Intensität ich mich auch heute nicht entziehen kann, wenn ich das Buch mit seinem Gesamtwerk zur Hand nehme.

In seinem letzten Text wendet er sich direkt an uns Leser, fordert uns auf, dort wo wir stehen ‚Nein’ zu sagen, wenn uns Kriegstreiber in die Pflicht nehmen wollen. Arbeiter, Mütter, Richter, Fabrikanten, Dichter, Mädchen, Männer, Forscher und Pfarrer. Uns alle fordert er auf Nein zu sagen. In jedem Land, jedem Erdteil, der ganzen Welt.

Mich hat das tief beeindruckt und nie ganz losgelassen. Heute sind wir auf vergleichbare Weise gefordert. Wir müssen uns bewusst gegen die Auswirkungen einer Tat wie der in Paris entscheiden. Wir dürfen nicht den Demagogen auf den Leim gehen, die den Anschlag nun für ihre menschenfeindlichen Ziele instrumentalisieren werden. Wir dürfen uns nicht gegen die vereinnahmen lassen, die in unserem Land Sicherheit vor Krieg und Terror suchen und müssen gleichsam wachsam sein. Denn wir müssen uns und sie vor Gewalt und Ausschreitungen schützen und dürfen uns nicht von Ängsten lähmen lassen. Gefahr lauert nicht in einer anderen Hautfarbe, einer anderen Sprache, einer anderen Religion. Gefahr lauert dort, wo Menschen einander nicht mehr als Individuen wahrnehmen und ein – wie auch immer geartetes – Gesellschaftskonstrukt höher bewerten als Menschlichkeit.

Heute Abend werden wieder Horden durch die Dresdner Innenstadt ziehen. Tausende, die nicht begreifen, dass sie einer Gesinnung das Wort reden, die sich in ihrer menschenverachtenden Haltung mit dem Terror in der Welt gemein macht. Tausende, die nicht begreifen, dass sie mit ihrem ‚harmlosen’ Gang über die Straßen zu Brandanschlägen und Übergriffen beitragen. Weil sie ermutigen und nicht Nein sagen.

Heute, an diesem Montag nach dem Anschlag in Paris, möchte ich nicht unterhalten.
Ich möchte Nein sagen. Ich weiß, auch das ist nur ein Zeichen. Doch mir tut es gut zu sehen, dass so viele ein Zeichen setzen. Mit ihnen möchte ich mich solidarisieren.

Meine Anteilnahme gilt allen, die Opfer von Gewalt zu beklagen haben. Im Moment ganz besonders den Menschen in Frankreich, die zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres den Terror in ihrem Land erleben mussten.

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