A Roma – ein Reisebericht

Soll ich was Weihnachtliches einstellen? Ach ne, lassen wir den November ruhig ohne Weihnachtsgeschichten kommen. Es gibt ja auch schon die Pralinen. Schöner wäre es, noch etwas von Sommer und Sonne zu nehmen. Da gäbe es den Bericht über die Romreise vor drei Jahren. Ich verfasste ihn in mehreren Mails an einen Freund. Es war heiß und schwül an jenem Tag, ich unterbrach mein Tun des Öfteren, um mich zu erfrischen. Das teilt ihn in vier lesefreundliche Abschnitte, was bei der Länge ganz praktisch ist.

Die Romreise also? Warum nicht, auch wenn sie streng genommen keine Geschichte im engeren Sinne ist. Damit könnte ich zudem meinem Mann danken, der mir die liebevoll organisierte Reise  zum 50sten geschenkt hat. Ich habe mich riesig gefreut und jede Minute genossen.
Auch wollte ich immer schon eine Lanze für die E-Mail brechen. Niemals würde ich so ausführliche Briefe schreiben. Und wenn, dann würden sich die Empfänger mit Recht darüber beschweren, sie könnten die Hälfte nicht entziffern und hätten mehr Arbeit als Freude damit. Wie entspannend dagegen lesbare Zeilen in Arial 12p. In Anlehnung anPina Bausch (unbedingt den Wendersfilm gucken!) möchte ich sagen:
Schreibt, schreibt, sonst verlieren wir einander aus den Augen! 😉
Und fahrt nach Rom, es lohnt sich!
Parte prima
Buon giorno
Heute ist Freitag, die Sonne scheint, wir sind zu Hause, ich habe endlich Zeit und Gelegenheit von der Reise zu berichten.
Um vorab die gröbste Neugier zu befriedigen, sei Dir versichert, wir hatten ein paar sehr schöne, gleichwohl anstrengende Tage in la bella Roma. Das Wetter war, bis auf den ersten Abend, trocken, warm bis heiß – im Forum Romanum verbrannte ich mir eigens die Schultern um ein Mitbringsel zu haben – und bescherte uns zwei lauschige Abende der Art, wie man sie im Sommer grundsätzlich flächendeckend einführen sollte. Den gestrigen hier haben wir wegen überbordender Müdigkeit etwas früh abgebrochen.
Nun geht es ins Wasser, 21 Grad, und dann für den Rest des Tages auf die Sonnenliege. Schultern bedeckt, logo! Danke für den fürsorglichen Rat.
Bisse gleiche
Kirsten
P.S.: Das schönste Romzitat will ich Dir schon übersenden, es stammt vom Fremdenführer, der uns durchs Kolosseum lenkte:
„Sie mussen ihre Imaginatione benutzä!“
In diesem Sinne!
Parte seconda
Allora, adesso posso scrivere una storia molto romantica:
Keine Sorge, ich werde in Ermangelung hinreichender Italienischkenntnisse die wichtigen Teile doch lieber in meiner, Deiner, also unserer Muttersprache verfassen. Also alles, Unwichtiges plane ich nicht zu berichten.
Wir verbrachten ein paar sehr interessante Tage und Stunden in Rom. Eine tolle Stadt, wie Dir ja aus eigener Inaugenscheinnahme bekannt ist. Dabei haben wir uns, unterstützt von willigen Einwohnern, das Wichtigste der ja dort quasi am Wegesrand lagernden Kulturgüter im Handumdrehen einverleibt. Schon die Fahrt mit dem Taxi in die Innenstadt, brachte Erstaunliches zu Tage. Im Vorbeifahren wurden wir einer marmornen Pyramide ansichtig. Ein eher kleines Werk. Da Rom für sein innovatives Handtaschendesign bekannt ist, vermuteten wir zunächst, es könne sich um eine zurückgelassene Handtasche Kleopatras handeln. Unverzüglich befragten wir den Taxifahrer, der uns folgende Auskunft zukommen ließ:
„Isse Pyramide, Pyramide.“
Aha! Schon was dazugelernt. Tatsächlich, handelt es sich nicht um die verlorene Handtasche, bei deren Suche sich seinerzeit der ein oder andere Sklave von seinem Kopf trennen musste, weil er sie für nicht auffindbar erklärte. Es war das Grabmal eines antiken Machtmenschen, dessen Namen mir zwischen diversen Clemensen, Pauls, Peters, Maximussen und Co abhanden gekommen ist. Er hatte vorrausschauend gedacht und sich für diese recht repräsentative Form des Grabmals entschieden, statt eines der in Kirchen handelsüblichen Behältnisse zu wählen. Ich könnte mir vorstellen, er wurde – nehmen an, er hieß Bernardo – vom Volk aus gegebenem Anlass Bernardo der Wichtigtuer genannt.
Il mio marito ist zurück vom Einkauf, ich muss ihm zur Hilfe eilen.
Bis später
Parte terza
Dienstag mussten wir uns zu ausgesprochen unferienhafter Zeit erheben, da wir uns bereits um 9.15 Uhr am Treffpunkt zur Führung durch die Vatikanischen Museen und den Petersdom einfinden sollten. Du weißt, das ist diese kleine, pittoreske Kirche inmitten Roms. War aber nicht ganz so schlimm, weil das Bett im Hotel Ambassodori  eines der Marke Brett mit Laken war. Erste Fluchtgedanken hatten mich bereits bei der Sitzprobeüberfallen. Insgesamt hat es sich jedoch bewährt, wir sind ohne Rückenschmerzen geblieben.
Wir also ab zur Metro, Linie A, bis zum Vatikan. Bereits da ließ sich erahnen, dass wir nicht die einzigen sein könnten, die sich an diesem schwülen Sommertag in Rom auf den Weg gemacht hatten. Auch schien die Strecke Barberini – Vatikan ein beliebtes Sightseeingziel für japanische Touristen zu sein. Unverständlich, wenn Du mich fragst. Außer Achselhöhlen können sie nicht viel gesehen haben.
Geleitet von Claudia, einer sehr belesenen und hervorragend deutsch sprechenden Fremdenführerin, begaben wir uns vorbei an der Warteschlange der armen Kreaturen, die nicht so umsichtig waren, eine Führung vorzubuchen. Ein Lob auf die Umsicht meines Gatten. Ich bin mir sicher, das ist so eine Art modernes Märtyrertum. Zehn Stunden in der Kassenschlange, anschließend mit Milliarden Leidensgenossen durch die Räume geschleust, werden mit Erlösung nicht unter fünf Jahren belohnt. Du musst es Dir ungefähr so vorstellen, wie die Eröffnung eines neuen Mediamarkts, bei der die ersten 1000 Fernseher und Laptops gratis abgegeben werden. Jetzt noch, dass die Fernseher alle an sind und man die erstaunlichsten Dinge bewundern kann. Das kann man in der Tat. Mein Fassungsvermögen war spätestens in den Kammern des Raffaelüberschritten. Etwas Energie habe ich mir noch für die Sixtina und den Petersdom aufgehoben. Der Rest ging in die Aufrechterhaltung eines annehmbaren körperlichen Zustandes und die Verdrängung eines, sich unangenehm zu Wort meldenden Knieschmerzes.
Das ist schon beeindruckend, was unsere katholischen Freunde da zusammengetragen haben. Hut ab. In der Sixtina kam leider wenig besinnliche Stimmung auf, da sie von etwa einem Drittel der täglich Rom bereisenden Touristen bevölkert war, deren mehr oder weniger andächtiges Schweigen durch laute „No Foto“-Rufe des Ordnungspersonals unterbrochen wurde. Markus, dieses Glücksschwein, war in Rom, als Benedikt gewählt wurde und die Museen geschlossen hatten. Offiziell. Inoffiziell wurden die Herren durch Seiteneingänge in die Räume geführt und kamen in den Genuss, sie als Kleingruppe exklusiv erleben zu können. Das muss sehr beeindruckend gewesen sein.
Die Enge der Museen gleicht der Petersdom lässig wieder aus. Selbst vor Michelangelos Pieta konnte man entspannt schauen. Die hat mich ausgesprochen begeistert. Dieses unglaublich liebliche Gesicht Marias! Dabei hat dieser Mensch, ich vermute, weil ihm Frauen nicht ganz so zu Herzen gingen wie Männer, sonst Frauen gebildhauert, die eher scheußlich als schön sind. Er scheint sie auch nie obduziert zu haben, anders kann man sich ihre Körper kaum erklären. Im Grunde hat er männliche Körper, die konnte er sehr gut, mit Bällen als Brüsten ausgestattet und war der Meinung, das sei so perfekt. Oder war er visionär und hat sich schon mit Silikonimplantaten auseinandergesetzt? Wer weiß.
Nach dem Dom waren wir noch hier und dort und am Abend in der Nähe des Trevibrunnens anlässlich unseres 27sten! Hochzeitstages sehr gut essen. Es gab, … Ach lassen wir das, das führt zu weit. Mir ist heiß ich mach ’ne Pause.
Mehr später
Parte quarta
Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, wir waren essen. Genau. Anschließend gingen wir, nein, Markus ging, ich humpelte, via Trevibrunnen zurück zum Hotel. Am nächsten Morgen erwachten wir nach einem leidlich komfortablen Schlaf. Ich hatte wirklich großeÄngste, da mich das Bett an ein anderes erinnerte, das ich einmal nach zwei Nächten mit Rückenschmerzen für Wochen verlassen hatte. Ein Horrorteil, noch dazu hässlich und in einem Raum, in dem ein Waschbecken an der Wand hing. In voller Funktion! Ich hasse so was. Aber zurück nach Rom, dort war das Waschbecken wo es hingehört, im Bad. Umrahmt, dies nur am Rande, von einer Fliesenlegerarbeit, für die man hierzulande seine Fliesenlegerlizenz abgeben müsste. Trotzdem irgendwie charmant. Wir sollten in solchen Dingen vielleicht ein wenig nachlässiger sein. Das entspannt Bauherren und Handwerker und duschen kann man trotzdem.
Der Plan für den Tag lautete: Morgens etwas Schonung für die marode Gattin, nachmittags das antike Rom mit vorgebuchter Führung, Treffpunkt 13.30 Uhr hinter die Zeitungsstande gegenüber vonne die Kolosseum. So brachen wir mit der Metro auf zur Piazza del Popolo, die wir nur kurz bestaunen wollten, um noch Zeit für ein weiteres Ziel zu haben. Die Piazza gefiel uns dann aber so gut, dazu wehte ein höchst angenehmer, den in sommerliche Kleidung gewandeten Körper umschmeichelnder Wind, dass wir uns entschlossen, eine der abgehenden Straßen entlang zu schlendern. Wir entschieden und für die Via del Corso, an deren Ende – sehr weit weg – ein höchst eindrucksvolles weißes Bauwerk in der Morgensonne funkelte. Ja, da kann man poetisch werden. Auch wenn der Verkehr um einen tost. Japaner waren kaum zu sehen, ich vermute sie besichtigten bereits wieder Achselhöhlen in der U-Bahn. Rätselhaftes Volk.
So schlenderten wir  gemütlich durch die Sonne, kehrten in der ein oder anderen Kirche ein, warfen nach links einen Blick auf die spanische Treppe (die hatten wir am Vortag schon aus der Nähe betrachtet und bestiegen), tranken in einem klimatisierten Einkaufszentrum einen dieser Espressi, wie ihn hier selbst der beste Italiener nicht hinbekommt (ein Mirakel, das uns stets aufs Neue umtreibt) und landeten schließlich auf der Piazza Venezia, von wo es bis zum Kolosseum nicht mehr weit ist, wie Du weißt.
In der Schlange für vorgebuchte Führungen, also in der Führungsschlange, überfielen mich erstmalig Zweifel, ob das Alles den Aufwand wert sei. Es sind immerhin nur alte Steine, wie ein Freund gerne betont. Es war heiß, meine Füße brannten, das Knie rebellierte trotz Schmerzmittel, Markus zeigte ebenfalls erste Schwächen und um uns herum die anderen sahen auch alle so aus. Ehrlich.
Doch Sebastiano, unser in Deutschland ausgebildete Archäologe und Fremdenführer beschwor unsere Imagination aufs Zauberhafteste, wobei er nicht vergaß, uns mehrfach auf die Position der Toiletten hinzuweisen, die wir in der Pause aufsuchen könnten. Schön war auch:
„Ich sage ihnen das, weil ich ihnen etwas zeigen will.“
Nein, ich will mich nicht über ihn lustig machen. Wir hatten Freude an ihm und ich beneide ihn um seine Mehrsprachigkeit. Das Gehen über 2000 Jahre alte Steine in glühender Sonne hingegen, lässt selbst die größte Begeisterung nach zwei Stunden abebben; der Körper verlangt nach seinem Recht: Wasser, Pause und SCHATTEN! Wir klinkten uns nach dem Forum Romanum aus, es ging danach auch nur noch zum Trevibrunnen, den wir schon gesehen hatten (mit sehr sehr vielen anderen Menschen) und in den Pantheon, der sich mir nicht so mitgeteilt hat. Rund, oben ein Loch durch das Licht und offensichtlich Regen fällt, wie eine Pfütze auf dem Boden bewies. Wir begaben uns für eine erfrischende Dusche ins Hotel und von dort nach Trastevere zum Essen. Das war nett, wäre noch netter gewesen, hätte nicht der junge Mann, der auf der sehr eng bestuhlten Terrasse am Nebentisch saß, in der Zeit zwischen Bestellung und Brotlieferung bereits drei Packungen geraucht, die alle in Markus Richtung zogen. Der Arme hat etwas gelitten. Hinter uns saß eine ausgesprochen dämlich lachende Amerikanerin, die im gleichen Stakkato, ihr nervtötendes Lachen ertönen lies.
Wie kommen wir nun zurück? Ach, gehen wir doch mal zu Fuß, das hatten wir ja kaum. Wenn es nicht mehr geht, machen wir halt eine Pause, Getränke bieten die hier ja alle zwei Meter an. Gesagt, getan. Das war dann ein wirklich schöner Heimweg. Über die Tiberbrücke bei einsetzender Dunkelheit zur Piazza Farnese, wo wir zu Schleuderpreisen ein Bier und einen Aperol zu uns genommen haben. Die Piazza Farnese, bzw. der sich auf ihr befindende Palazzo Farnese, war Schauplatz einer speziellen Toska-Aufführung (eine meiner Lieblingsopern, ich könnte Auszüge singen –  na, sagen wir intonieren), die an den Originalschauplätzen zu Originalzeiten aufgeführt wurde. Also nachmittags in einer Kirche, deren  Namen ich vergessen habe, abends im Palazzo Farnese und frühmorgens in und auf der Engelsburg. Ich hab es mir als Zusammenschnitt gegönnt. Das fand ich angenehmer, als morgens um sechs einer Hinrichtung beizuwohnen. Seitdem bin ich dem dort aufgetretenen Ruggero Raimondi rettungslos verfallen. Was für ein Typ! Was für ein Gesicht! Und dann dieses Stimme und dieses, bei Opernsängern eher selten auftretende, schauspielerische Talent. Er war wundervoll bösartig. Wie gern hätte ich ihn ans Fenster treten sehen und eine kleines Potpourri zum Besten geben. Aber es war auch ohne ihn beeindruckend. Freundlicherweise lässt man die ganze Nacht im reichlich verzierten Mitteltrakt des Palazzos das Licht brennen. Clever die Römer.
Bevor wir uns dann für die restliche Strecke ein Taxi gegönnt haben, weilten wir noch auf der Piazza Navona, sahen Breakdancern und diversen anderen Menschen zu, die sich von links nach rechts und wieder zurück treiben ließen. Völlig zufrieden mit uns und der Welt nahmen wir noch einen Absacker in einer Cocktailbar, bis uns die Erschöpfungübermannte.
Für den Abschlusstag hatte Markus ein Taxi geordert, das uns auf dem Weg zum Flughafen noch an diversen Sehenswürdigkeiten und Aussichtspunkten vorbeifuhr. Es bescherte uns noch einen Blick auf Michelangelos Moses, geiler Bart, einen Orangengarten ohne Orangen aber mit toller Aussicht, der ein oder anderen Kirche, einem spektakulären Blick durch ein Schlüsselloch auf die Kuppel von St. Peter und ganz zum Ende noch den Besuch der Kirche S. Paolo fuori le mura. Das Kirchenschiff war leergeräumt, was den Eindruck von Größe und – ja ich gebe es zu – Erhabenheit enorm verstärkte. Ich fühlte mich klein und staunte vor mich hin. Erstmals hatte ich ein solches Erlebnis in Orvieto, wo der Dom von allen Bänken befreit war. Als ich damals vor dem Altar stand und mich umdrehte, fiel das Sonnenlicht durch die Fensterrose und zauberte tanzend bunte Flecken auf den mit Intarsien geschmückten Boden. Ich bin, wie Du weißt, nicht sehr empfänglich für Religiöses, doch in dem Moment wurde mir anders. Es war, als würde ich aus einer anderen Zeit berührt. Ein Brückenschlag über Jahrhunderte. Eine Erinnerung, die ich bis heute sehr lebendig in mir trage. In S.Paolo war es auch nicht ohne.
Dann ging es zum Flughafen. Bereichert, müde und mit Füßen, die man nicht mehr ganz so leicht als solche erkennen konnte. Ich lagere sie aktuell auf dem gegenüberstehenden Stuhl, so wie meine Tochter es gern tut, damit sie in ihren ursprünglichen Zustand zurückfinden. Langsam kann ich mir vorstellen, sie eines Tages wieder in normales Schuhwerk zu bekommen.
Schön, sich dank dieser Mails die Tage erneut vergegenwärtigt zu haben.
Dank für die Geduld beim Lesen.
Kirsten

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