Der Stift

Weil derzeit die Zeit fehlt, weil sie rast oder auch einfach nur andere Dinge Vorrang haben, hier eine alte Geschichte. Sie entstand anlässlich einer Benefizlesung der Solinger Schreibwerkstatt für die Aktion  Stifte stiften der evangelischen Kirche Solingen. Für mich war es meine erste Lesung. Allen, die mich damals begleitet und hinterher ermuntert haben, weiterzumachen, noch einmal herzlichen Dank!

Ich kann den Stift nicht finden. Seit Stunden suche ich nach ihm. Ich weiß, ich habe ihn zuletzt benutzt, als wir die Weihnachtskarten geschrieben haben. Eigentlich habe ich sie geschrieben und Du hast nur Deine Unterschrift darunter gesetzt. Unachtsam, ohne den Text zu lesen. Eine lästige Pflicht, die Du nur mir zuliebe auf Dich genommen hast. Danach habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er ist weder auf dem Schreibtisch noch an einem der anderen Plätze, an denen ich gern sitze und schreibe, Notizen oder to-do-Listen anfertige, die ich kurz darauf schon wieder vergessen habe. Jetzt brauche ich ihn. Womit sonst als mit dem Stift, den Du mir vor Jahren geschenkt hast, soll ich schreiben?

Gerade eben ist die Letzte endlich gegangen. Nicht ohne mir aufzutragen, mich unbedingt zu melden, wenn ich es alleine nicht aushalte. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich nach Ruhe sehne. Nicht eine Minute haben sie mich in ihrer Fürsorge allein gelassen, seit das Auto dich beim abendlichen Joggen erfasst und gegen den Brückenpfeiler geschleudert hat. Sie wollen mir beistehen, trösten, ablenken. Weniger mich, als sich selbst haben sie bei ihrem Aktionismus im Blick. Sie setzen voraus, dass ich betäubt bin, den Verlust nicht in Worte fassen kann. Oh doch, ich kann. Wir beide wissen, dass es anders ist. Wenn ich nur endlich diesen verdammten Stift finden würde.

Wir waren ein außergewöhnliches Paar, sagen sie, ein Vorzeigeehepaar, wie es nur noch selten welche gibt. Nicht nur ich bin dir auf den Leim gegangen. Sie alle haben dir den treuen Ehemann abgekauft, der selbst nach 31 Ehejahren noch stets aufmerksam und liebevoll war. Du warst gut in deiner Rolle, das muss ich dir lassen. Darum konnte ich es zuerst gar nicht glauben, als ich die sehr eindeutige Sprachnachricht hörte, die eindeutig nicht für meine Ohren gedacht war. Tja, du hättest beim ihrem Kauf bedenken sollen, dass man Handys leicht verwechseln kann, wenn sie identisch aussehen. Ohne nachzudenken bin ich auf Öffnen gegangen, als die unbekannte Nummer aufleuchtete. Du warst umsichtig genug gewesen, sie nicht unter deinen Kontakten abzuspeichern. Clever. Hätte sie am Ende nicht gefragt, wie dein Urlaub in Mexico gewesen sei, wäre es ein Leichtes gewesen zu behaupten, es handle sich um ein Versehen und du seist gar nicht der, den sie so unglaublich vermisst hatte.

Der Urlaub! Genau, ich habe den Stift danach noch nicht wieder aus der Handtasche genommen. In Anbetracht der Ereignisse wenig verwunderlich, oder? Sehr gut, da ist er.

Das mit dem Stift, das hättest du nicht tun sollen. Noch viel weniger das mit den Bildern, deiner Trophäensammlung. Ja, ich habe sie gefunden. Nach Hannes Sprachnachricht begann ich nach Beweisen zu suchen. In der Hoffnung nichts zu finden, fand ich das genaue Gegenteil. Akribisch archiviert und in der Schreibtischschublade mit deinen Arbeitsunterlagen normalerweise sicher vor mir. 21 Frauen in 31 Ehejahren, geschmackvoll in graues Leinen gebunden. Astrid, Mechthild, Cosima und Co wären sicher entsetzt, wenn sie wüssten, dass sie sich einen der intimsten Momente ihres Lebens mit so vielen teilen. Und mit mir.

Wie abgeschmackt kann man sein, allen den gleichen Stift zu schenken und sie bei gleicher Gelegenheit zu fotografieren? Ging es dir um einen Vergleich, die Antwort auf die Frage, wer mit dem glücklichsten Gesichtsausdruck auf seine entblößte Brust schaut, auf die du mit großen Buchstaben, und mit eben jenem Stift, deinen Namen geschrieben hast? Lief bei Allen dazu Terrence Trent D’Arbys  „Sign your name across my heart“? Hast du mit allen dazu getanzt, so wie mit mir, bevor du begonnen hast sie auszuziehen? In Wolfs Wohnung, wie ich unschwer an der Einrichtung im Hintergrund erkennen konnte. Der liebe Wolf, ein wahrer Freund der Familie. Ich könnte kotzen, wenn ich mir vorstelle, wie er dir den Schlüssel in die Hand drückt und ein „zieh hinterher das Bett ab“ mit auf den Weg gibt. Oder hat er dir großzügig einen Zweitschlüssel überlassen? So wie er einen Zweitschlüssel für unser Ferienhaus und den Combi hat? Hat es dich angemacht, zu wissen, dass sie deinen Namen so lange wie möglich auf ihrer Haut tragen werden? Hast du es gar von ihnen verlangt, so wie von mir damals? Mit dieser Stimme, die keinen Widerspruch duldete, die ich immer für den Beweis deines Verlangens, deiner Liebe gehalten habe.

Alles, alles woran ich glaubte hast du mit dieser Sammlung zerstört. Alles woran ich mich gehalten habe, wenn du vor lauter Arbeit kaum Zeit für uns hattest. Alles, von dem ich dachte, es unterscheide uns von Anderen.

Morgen ist die Beerdigung. Ich habe überlegt Hanne einzuladen, sie ist schließlich auch ein Opfer. Bei 21 Frauen in 31 Jahren dürfte ihre Halbwertzeit schon deutlich überschritten gewesen sein. Wann hättest du sie abgeschossen? Verglichen mit der Verweildauer der Einzelnen war ich wohl so eine Art Plutonium für dich. Ich entschied mich dagegen. Besser auch, sie taucht in unserem Umfeld nicht auf. Nicht, dass doch noch einer Fragen stellt. Sicher bietet Wolf ihr seine tröstende Schulter an. Bei seinem Hang zu abgelegten Frauen wäre eine Trauernde mal was Neues.

Oder er versucht es bei mir. Zuzutrauen ist es ihm, es wäre nicht sein erster Versuch. Du hast tatsächlich nicht einmal ihm davon erzählt, aufgeflogen zu sein. Dass du dich bei allen Anderen an meine Bitte, den wahren Grund für die plötzliche Reise zu meiner Mutter nicht zu erzählen, hältst, habe ich erwartet. Öffentliche Eingeständnisse sind nie deins gewesen. Schon gar nicht, wenn man am liebsten weitermachen will wie bisher. Ein bisschen Reue, Blumen, romantische Essen und ich würde schon einlenken. Wo doch Hanne mit der erotischen Stimme nur ein Ausrutscher war. Davon bist du ausgegangen, stimmt’s? Da passen peinliche Fragen nicht. Doch auch ich wollte mich dem Erstaunen unserer Freunde nicht aussetzen. Ihr? Getrennt? Schon bei Anne und Horst fand ich es schamlos, wie sie sich an deren Elend gesundredeten. Da wurde jede noch so fade Ehe plötzlich wieder wertvoll, allein weil sie Bestand hatte.

So sind alle überzeugt, ich stünde unter Schock und werde erst nach der Beerdigung realisieren, dass du endgültig weg bist. Ist mir recht. Sie werden denken ich schrieb dir einen letzten Liebesbrief, wenn ich morgen den Umschlag ins Grab werfe. Niemand wird auf die Idee kommen, dass er ein Bild von meiner entblößten Brust mit deinem durchgestrichenen Namen enthält. Dazu den Stift und den Schlüssel für den Combi. Bei mir werden sie ihn nicht finden, wenn herauskommt, mit welchem Auto du angefahren wurdest. Wolf wird es ahnen, doch der dürfte genug damit zu tun haben, seine Unschuld zu beweisen. Ich bin unverdächtig, mich hat die Todesnachricht bei meiner Mutter erreicht, die einen erfreulich tiefen Schlaf hat. Zumindest wenn man nachhilft.

Das mit dem Stift, das hättest du nicht tun sollen.

 

photo credit: <a href="http://www.flickr.com/photos/105422985@N04/12387712755">Scrikss 85</a> via <a href="http://photopin.com">photopin</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">(license)</a>

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