Der Abschuss

Schreibt eine Geschichte, in der die Worte Gummistiefel, Jacke, Sonnentau, Halbmond und Birke vorkommen und die einen Dialog enthält. So weit die Aufgabe. Mich führten die Worte in den Wald, es entstand eine Jagdgeschichte. Alle jagdkundigen Leserinnen und Leser mögen mir verzeihen: Ich weiß, der Hals heißt Träger und wenn Tiere Witterung aufnehmen spricht man vom Winden. Und das sind nur zwei Beispiele von Fachbegriffen, die ich nicht verwendet habe. Zu groß die Gefahr,
von Nichtjägern nicht verstanden zu werden. Auch der Versuchung, das Jagdfieber zu beschreiben, habe ich aus gutem Grund widerstanden. Es ist mir einfach viel zu fremd. Für Jagdgeschichten dieser Art sind Andere zuständig. Hier geht es – wie so oft – um Menschliches jenseits der geschilderten Situation.

Mit einem Schmatzen sank er tief in den Waldboden ein. Gut, dass er die Gummistiefel anhatte. Noch war es kühl, doch der klare Himmel versprach einen schönen Tag. Endlich. Er musste aufpassen, die Sprossen des Ansitzes waren rutschig. Oben angekommen lehnte er vorsichtig die Waffe gegen die Brüstung und nahm den Rucksack ab. Sein Atem rasselte. Nur nicht Husten jetzt, er hatte auf dem Weg schon genug Lärm gemacht. Das leise Rascheln des Bonbonpapiers erschien ihm in der Stille des Morgens unnatürlich laut. Salbei, lecker. Und wirksam. Eine Empfehlung des Apothekers. Guter Mann, auch Jäger. Wie so viele hier.

Er sah sich um. Über der Lichtung verblasste ein exakter Halbmond im anbrechenden Tageslicht. Der Wald stand schwarz zwischen Himmel und Lichtung. Kein Laut war zu hören. Ob er ihn sehen würde? Angeblich war er wieder im Revier.

Bei der Kirrung gestern hatten sie ein ungewöhnlich großes Trittsiegel gesehen. Es konnte nur von ihm sein. Im Unterholz knackte es. Zu leise, maximal ein Fuchs. Für den würde er sich die Chance auf einen 14ender nicht zunichte machen. Hoffentlich ballerte Victor auf der anderen Seite nicht los. Fröstelnd zog er den Reißverschluss der Jacke hoch und schraubte die Thermoskanne auf. Verdammt frisch noch. Wie spät? 5.37 Uhr, fast eine Stunde hatten sie für den Weg gebraucht. Dass Victor aber auch immer so trödeln musste. Und dann dieses Gequatsche im Auto. In einer guten Stunde würde die Sonne aufgehen. Birken, Tautropfen und das hinter dem Wald liegende Meer, reflektieren das Licht auf ganz unterschiedliche Weise. Die Mischung schuf eine Stimmung, die er mehr liebte als jede andere. Er musste nicht schießen. Allein hier zu sitzen und die Gedanken schweifen zu lassen, war ein Genuss. Unvergessen der Seeadler, der hier einmal direkt auf ihn zugeflogen war und erst im letzten Moment abgedreht hatte.

Ein schwaches Leuchten verkündete eine SMS. Gottseidank hatte er daran gedacht die Beleuchtung runterzudimmen. Victor sorgte mit seinen Nachrichten sonst für wahre Leuchtfeuer.

>Scheiße, nichts los hier< las er. >Wechseln?<, kam direkt die Nächste hinterher.

>Nein<, antwortete er. >Vielleicht kommt er noch.<

>Glaub ich nicht. Lass uns gehen.<

Wenn sie jetzt gingen, würde sie woanders auch nichts mehr sehen. Mit seiner Ungeduld ging ihm Victor echt auf die Nerven. Zig Mal hatten sie deswegen schon was verpasst. Wie er ihn kannte, würde er es maximal noch zehn Minuten aushalten und dann polternd lostrampeln. Damit wären seine Chancen auf den Hirsch dann auch hin.

>Schlaf<, simste er zurück und legte das Handy mit dem Display nach unten zur Seite.

Ein feiner Dunstschleier zog über den Himmel und verdichtete sich dort, wo die Sonne aufging zu blendendem Weiß. Er sah ihn erst, als er schon einige Meter aus dem Wald herausgetrottet war. Das Braun des Fells verschmolz mit dem sanften Gelbbraun der herbstlichen Birkenblätter. Ohne ihn aus den Augen zu lassen tastete er nach seinem Gewehr. Als hätte es ihn gehört, wandte das Tier den Kopf, nahm Witterung auf und sah in seine Richtung. Der kräftige Hals zeichnete sich dunkel vom Rest des Fells ab und ruhte auf einer starken Brust. Die Muskeln der Beine zuckten. Trotz der Gelassenheit, die er ausstrahlte, war er bereit zur Flucht. Der Fuchs musste unter dem Hochsitz hervorgekommen sein. Als der Hirsch ihn als Urheber der Geräusche erkannte, entspannte er sich wieder und trat weiter auf die Lichtung. Durch das Zielfernrohr konnte man die langen Wimpern erkennen, die Bewegungen der Halsmuskeln. Das Geweih wog schwer, verlangte nach viel Kraft. Noch zwei Schritte vor, dann drehte er sich nach links und stand damit für Victor ungünstig. Das war seine Chance. Jetzt keinen Fehler machen. Sein Herz schlug schneller, in den Ohren meldete sich das vertraute Rauschen. Der Finger am Abzug fühlte sich eiskalt an. Keine Hektik, mahnte er sich. Ganz ruhig. Ohne die Position zu verändern, sah ihn der Hirsch direkt an. In den Augen des Tieres lag absolute Ruhe, kein Argwohn. Für einen Moment zögerte er.

Später fragte er sich, ob er geschossen hätte, wenn seine übersteigerte Aufmerksamkeit das Rascheln neben sich nicht so überlaut wahrgenommen hätte. Vermutlich war es nur ein Vogel gewesen. Er sah den Hirsch im Knall zusammensacken. Ein Blattschuss, sie würden nicht nachsuchen müssen.

Victor war vor ihm an der Abschussstelle. Lieber wäre er jetzt allein. Er ließ sich Zeit, suchte den Zweig für die letzte Äsung sorgfältig aus, zupfte zwei braune Blätter raus und wunderte sich dabei über sich selbst. Was war nur los mit ihm? Er hatte keinen Bock auf Beifallsbekundungen, wollte kein Foto von sich in Siegerpose, keine Ratschläge beim Aufbrechen, keine helfenden Hände bei dem Transport zum Jeep. Vier Jahre hatte er auf diesen Tag gewartet. Immer wieder waren sie sich begegnet. Manchmal war es ihm vorgekommen, als habe das Tier ihn verhöhnt, wenn es gelassen in sicherem Abstand an ihm vorbeigezogen war. Jetzt lag es erschlafft vor ihm. Das braune Fell mit grauen Strähnen durchzogen, die Augen gebrochen. Sie waren etwa gleichalt. Der eine ein erfahrender Gejagter, der andere ein erfahrener Jäger. Gleich würde er das Messer aus der Jackentasche ziehen und den Bauchschnitt ansetzen. Den Zugang für die Säge freischneiden. Wenn Victor nur endlich die Klappe hielte. Es würde anstrengend sein, den Brustkorb aufzubrechen, das Fleisch war sicher ungenießbar, es war Brunftzeit und das Tier alt. Seine Frau würde wegen der riesigen Trophäe mit den Augen rollen. Eigentlich hatten sie keinen Platz mehr dafür. Sie würde …

Eine heiße Welle breitete sich ihn ihm aus und schoss die Kehle hinauf. Er drehte sich zur Seite, erbrach sich neben den Kopf des Hirsches.

„Was ist los, Mann? Neuerdings empfindlich?“ Victor sah ihn entgeistert an.

Er würgte ein letztes Mal, spuckte übelschmeckenden Speichel ins Gras und wischte sich über den Mund. Die Hitze in Bauch und Brust blieb, flutete Kopf und Nacken. Sie würde gar nichts. Er hatte es vergessen. Für die Dauer eines Abschusses hatte er tatsächlich vergessen, dass sie nicht mehr war.

„Mach du“, sagte er, drückte Victor das Messer in die Hand und ging.

„Walter?!“

„Lass, mach du.“

 

photo credit: <a href="http://www.flickr.com/photos/130271140@N02/23165763559">Dark forest</a> via <a href="http://photopin.com">photopin</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/">(license)</a>

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