Samstags

Nicht jede Geschichte kann nett und harmlos des Wegs kommen. Diese entstand aus der flapsigen Aufforderung, doch mal etwas über Königsberger Klopse zu schreiben. Möge irgendwann der Tag kommen, an dem sie undenkbar ist.

Siebenundfünfzig Jahre hat sie sich ausgemalt, wie es sein würde, an einem Samstag keine Königsberger Klopse mehr zubereiten zu müssen. Siebenundfünfzig Jahre, in denen sie gegen die Übelkeit ankämpfte, die sie überfiel, sobald sie das Sardellenglas öffnete und die dünnen, salzkrustigen Filets mit der Gabel herausfischte. Siebenundfünfzig Jahre, in denen sie behauptete, nein, es seien nur die Zwiebeln. Siebenundfünfzig Jahre, jeden Samstag, zweiundfünfzig Wochen im Jahr, zweitausendneunhundertvierundsechzig Mal in ihrem Leben.

Niemand macht sie wie meine Mutter, hatte er neben ihr am Herd stehend und ihre Handgriffe beobachtend jeden Samstag wiederholt, seit er sich mehr und mehr im Gestern verlor. Niemand außer dir. Und dass seine Mutter eine wunderbare Köchin gewesen sei, die aus fast nichts die köstlichsten Sachen zaubern konnte, bis sie leider viel zu früh verstarb. Klopse waren sein Leibgericht gewesen, es gab sie zu jedem Geburtstag. Als er dreizehn wurde zum letzten Mal. Obwohl seine Mutter schon so schwach gewesen war, hatte sie es sich nicht nehmen lassen, aufzustehen und für ihn das Fleisch durch den Wolf zu drehen, zu würzen und zu großen und lockeren Kugeln zu formen, die besonders sanft in der Soße garziehen mussten.

»Als ich dich kennenlernte und erfuhr, dass du aus Ostpreußen kamst«, hatte er jeden Samstag erzählt, »habe ich mich als erstes gefragt, ob du wohl Königsberger Klopse kochen könntest, die an die meiner Mutter heranreichen würden. Weißt du noch, wie sehr du dich gesträubt hast, sie in der Küche deiner Tante Hedwig, bei der ihr untergekommen wart, für mich zu kochen? Hedwig musste dich erst daran erinnern, dass Liebe durch den Magen geht und man einen Mann mit nichts besser an sich binden kann als mit guter Hausmannskost. Eine kluge Frau« Dann hatte er immer gelacht und ihr liebevoll den Po getätschelt.

Jahrelang hat sie die Panik heruntergewürgt, die in diesem Moment in ihr aufstieg, sich hastig weggedreht und so getan, als müsse sie dringend eine Zutat herantragen. Erst als er damit begann, wurde ihr bewusst, warum sie so einen großen Widerwillen gegen dieses Gericht empfand. Wieder und wieder sah sie ihre Mutter vor sich, die Schultern angespannt, den Blick unbeweglich in die Schüssel gerichtet, mit zitternden Händen aus der Fleischmasse Klöße formend. Wieder und wieder hörte sie das rohe Lachen des Soldaten, der mit seinen Kumpanen am Tisch saß und sich aus der Schnapsflasche des Vaters bediente. Schließlich stand er auf und trat hinter die Mutter. Sie konnte aus ihrem Versteck sehen, wie die Mutter versuchte ihm auszuweichen, wie sie von ihm daran gehindert wurde, wie er begann, ihr den Hintern zu tätscheln, von hinten in die Bluse griff und sich an sie drängte. Die Mutter begann zu weinen, versuchte ihn abzuwehren. Doch er schien stark zu sein, konnte sie mit einer Hand festhalten, während er sich mit der anderen die Hose öffnete und Mutters mit Fleischmasse vollgeschmierte Hand hineinschob.  Es war die Scham in der Haltung der Mutter, vor der sie die Augen schloss. Fest die Hände auf die Augen gepresst kauerte sie mit angehaltenem Atem im Schrank und sagte sich immer wieder, ich darf nicht laut sein, darf mich nicht zeigen, hat Mutter gesagt.

Nun gab es nur noch Geräusche. Sie hörte das Gegröle der am Tisch sitzenden Soldaten, ein Scheppern, als fielen Töpfe zu Boden, ein Stuhl kippte um, erstickte Schreie, rhythmisches Stöhnen, begeistertes Klatschen, Wimmern, Schläge und immer wieder Gläser, die aneinander gestoßen wurden. Irgendwann wurde es ruhiger, es klang, als würde die Mutter den Tisch decken, Teller klapperten und sie hörte in ihrem Versteck Essensgeräusche. Dann gingen sie, schlugen die Tür zu, torkelten polternd über den Flur nach draußen. In der Stille, die ihnen folgte, machte sich ein durchdringender Geruch nach Angebranntem breit.  Ein vertrautes Summen ließ sie einen Blick wagen. Die Mutter stand mit dem Rücken zum Schrank am Herd. Das Kleid zerrissen, den sonst ordentlichen Haarknoten zerzaust, starrte sie auf den Topf, aus dem die beißenden Dämpfe aufstiegen, ohne ihn vom Feuer zu nehmen, summte nur leise das alte Kinderlied, das sie in Gewitternächten so oft an ihrem Kinderbett gesungen hatte, bis sie beruhigt wieder eingeschlafen war.

Sie wusste nicht mehr, wann sie den Schrank verlassen hatte und was in den nächsten Stunden geschehen war, bis der Vater vom Feld kam, sich umschaute, die notwendigsten Sachen packte und sofort mit ihnen aufbrach. Die Mutter saß stumm und unbeweglich auf dem Pferdefuhrwerk. Tagelang marschierten sie und trafen auf immer mehr Menschen, die ebenfalls auf der Flucht waren. Zu Fuß, mit Fuhrwerken oder Bollerwagen, auf denen ihr weniges Hab und Gut verstaut war. In den Gesichtern der Frauen erkannte sie oft den gleichen leeren Blick, die gleiche wortlose Scham, die das Gesicht der Mutter nicht mehr losließ.

Später in Dänemark kamen sie mit vielen anderen in einem Flüchtlingslager unter. Von dort ging es ins Rheinland, wo sie mit zwanzig ihren Mann kennenlernte. Auch er ein Flüchtling. Auf der Hochzeitsfeier ein Jahr später war sie glücklich. Glücklich, aus der bedrückende Atmosphäre der Familie zu entkommen, der verstummten Mutter, dem schweigsamen Vater. Ihr Mann war ein guter Mann. Ein Familienmensch, dem die Erinnerung an die einstige Heimat wichtig war. Als er sie bat, Königsberger Klopse zu kochen, tat sie ihm den Gefallen trotz einer unbestimmten Abneigung. Dass der Geruch der Sardellen sie so ekelte, tat sie als Überempfindlichkeit ab. Ebenso wie den Widerwillen, mit dem sie die Klöße mit den Händen formte und die Übelkeit, die sie daran hinderte, mehr als nur eine winzige Portion zu sich zu nehmen. Er hingegen war begeistert und wünschte sich dieses Gericht ab sofort jeden Samstag. Warum nur ging sie darauf ein? Selbst ohne die Rückkehr der Erinnerung war es eine Qual für sie. Tante Hedwig gab ihm Recht, sie solle sich nicht so anstellen, eine gute Frau täte ihrem Mann diesen kleinen Gefallen.

Mit der Zeit lernte sie, damit zu leben, den Unmut zu verdrängen, der sie schon befiel, wenn sie nur die Zutaten einkaufte. Seit er ihr bei er Zubereitung den Po tätschelte, brachte sie jedoch keinen Bissen mehr davon herunter. Sie redete sich damit heraus, nach so vielen Jahren genug davon zu haben und aß stattdessen samstags nur ein Brot. Er nahm es hin und aß weiter mit Genuss.

Vor drei Tagen hatten sie ihn beerdigt. Mit dreiundachtzig. Es gab keinen Grund mehr, Königsberger Klopse zuzubereiten. Siebenundfünfzig Jahre hatte sie sich ausgemalt, was sie alles zubereiten könne, wenn es einmal so weit sein würde. Nun nahm sie das Hackfleisch aus dem Kühlschrank. Die Nachbarin brachte es ihr gestern, weil sie vergessen hatte, es abzubestellen. Dazu die Eier, Sardellen, Kapern, Zitrone, die Milch und die Brühe, von der immer einen Topf im Kühlschrank stand, und das trockene Brötchen aus dem Brotkorb.

 

photo credit: <a href="http://www.flickr.com/photos/62014598@N02/25427331953">...</a> via <a href="http://photopin.com">photopin</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">(license)</a>

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