Praliné du jour

Bereits im letzten Jahr versuchte ich etwas Empathie für Lebensformen zu wecken, die wir nicht nur gern übersehen, sondern sogar verspeisen. Dem Genuss frönend greifen wir achtlos zu, schenken ihnen oft nicht mal ein Minimum an Aufmerksamkeit, das sie ohne Frage verdient hätten. 

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„Oh, pardon, je suis désolé“, entschuldigte sich das belgische Praliné als es auf einer Schokoladenmuschel landete. Wie peinlich. Es machte sich so leicht wie möglich, um nicht noch mehr Unmut hervorzurufen.

„Immer diese Ausländer“, schimpfte die Muschel vor sich hin und versuchte sich von der Last zu befreien. „Können sich nicht einmal entschuldigen, wenn sie einen anrempeln!“

„Aber sie hat sich entschuldigt, du bist ein Ignorant, mein Freund!“, empörte sich ein Champagnertrüffel, der die Szene beobachtet hatte. „Außerdem, hast du nicht gesehen, wie der Trottel sie aus der Tüte geschüttet hat? Was soll sie tun, häh? Tout va bien, pas de problème, elle est toujours aussi“, beruhigte er die vermeintliche Landsmännin.

„Könnt ihr nicht Deutsch reden?“, mischte sich eine Nusspraline ein. „Is eh so langweilig hier. Diese Warterei macht einen noch kirre. Bonjour“, wandte sie sich an den sichtlich verschüchterten Neuzugang. „Willkommen auf dem Teller. Erzähl doch, wo kommst du her?“

„Nix da“, rief die Muschel dazwischen, „erst macht sie sich von mir runter, sonst gammel ich hier noch ewig vor mich hin!“

Ehe sie sich versahen, wurden sie von einer Kinderhand durcheinandergewirbelt. Die Muschel frohlockte, Kinderhände, das hatte sie die Erfahrung gelehrt, suchten meist ihresgleichen. Und richtig, nach einer Weile des Grabens und Umschichtens packten die Finger zu und nahmen sie und zwei weitere Meeresfrüchte auf. Alle Übrigen entspannten sich wieder. Am Rand des Tellers sonnten sich ein paar Mon  Chéris im Kerzenlicht des Adventskranzes und versuchten verführerisch zu glänzen.

„Na endlich, die ging mir ganz schön auf die Nerven“, kommentierte eine Weinbrandbohne das Geschehen. „Nun erzähl schon, wo kommst du her? Kannst du überhaupt deutsch?“

Die kleine Praline duckte sich. Mussten sie alle so neugierig anstarren?

„Nur ein petit peu“, flüsterte sie. „In Belgique isch ’abe ge’abt ein ami, une Print de Aachen. Von ihr isch ’abe ein peu allemagne.“

„Ach ja, die Printen, echt internationale Kollegen. Bisschen hart, aber herrlich trockener Humor“, warf eine Baumkuchenecke ein.

„Oui, sie war sähr lustiek et une belle ami.“

„Woher genau aus Belgien?“, fragte die Weinbrandbohne nach.

„Isch bin von Maître Defroidmont, un Maître des Ardennes.“

„Handgemacht demnach“, konstatierte die Nusspraline und feixte in Richtung der Mon Chéris, die sich noch ein Stück Richtung Tellerrand geschoben hatten.

„Pardon, isch verstäh nischt.“

„Sie meint fait à la main“, dolmetschte der Champagnertrüffel, der missmutig seine eigene, perfekte Rundung betrachtete. Als Industrieware lag man länger als die handgemachte Crème de la Crème. Er lag nun schon drei Tage an der Luft, sein Teint litt sichtlich. Noch zwei Tage und kein Mensch würde sich mehr seiner erbarmen.

„Ah oui“, bestätigte die Kleine dankbar für die Übersetzung. „Je suis fait à la main, je suis un praliné du jour. Eine Pralin von die Tag, ein surprise, niemand weiß, was ist in misch.“

„Mit oder ohne?“ Die Weinbrandbohne witterte Konkurrenz.

„Pardon, mit oder ohn was?“, fragte das Praliné.

„Na, Alkohol natürlich“, bellte sie zurück.

„Mit ein petit petit peu von Cointreau und ein ’auch von Gras von Citron.“ Die Kleine seufzte wohlig auf, sie liebte ihr Zitronengrasaroma.

„Gras von Citron?“ Der Baumkuchen war irritiert. Immer dieses neumodische Zeug. Vermutlich auch noch ein Hauch von Chili oder bröseligem Meersalz. Crossover Praliné, wenn er das schon hörte!

„Muss ja ganz schön brutal sein, so handgemacht. Kein optimierter Druck, keine ideale Temperatur, wie man sie in der Maschine erleben darf.“ Ein Stück Schichtnougat räkelte sich selbstzufrieden.

„Du hast ja wohl gar keinen Schimmer“, schaltete sich eine unförmige Praline der Marke Hausgemacht ein und erntete ein überhebliches Schnauben des akkurat geschichteten Nougatwürfels.

„Handgemacht“, fuhr sie unbeirrt fort, „ist nicht zu toppen. Es fängt schon bei den Zutaten an. Niemand schüttet sie einfach nur ineinander. Alles wird liebevoll abgewogen und miteinander vermengt. Immer wieder wirst du in die Luft gehoben und darfst dich aus der Höhe zurück in den Teig abtauchen. Herrlich! Und dann, wenn du langsam fest wirst, greifen zarte Finger nach dir, portionieren dich, rollen dich zu Kugeln …“

„Kugeln, dass ich nicht lache!“, rief eine Rumkugel dazwischen, wurde aber von der Hausmarke ignoriert.

„Zu Kugeln! Sie drücken dich hier und dort, alles sanft und behutsam, zärtlich. Wenn sie zufrieden sind, setzen sie dich vorsichtig auf ein Gitter, auf dem du dich ausruhen kannst. Und dann“, die Hausmarke verhaspelte sich fast vor Begeisterung, „dann, leicht fröstelnd, wirst du in eines dieser lauwarmen Schokoladenbäder getaucht, die dich mit einer glänzenden Schutzschicht versehen, die später fest und knackig ist. So darfst du gemeinsam mit deinen Freunden zur Ruhe kommen, bevor du hübsch verpackt verschenkt wirst. Glaub mir“, wandte sie sich an das arrogante Schichtnougat, „keine Industrieware der Welt wird so freudig begrüßt, wie wir weniger glatten, leicht unrunden Handgemachten.“

„Ach ja?“ Die Weinbrandbohne klang höhnisch.

„Und warum liegst du dann immer noch hier rum? Wohl doch nicht so begehrt, wie?! Wenn ich mich nicht irre, bist du schon vor vier Tagen hier angekommen.“ Sie lachte bösartig.

Die Hausmarke zog sich, soweit es ihre Schokohülle erlaubte, gekränkt in sich zurück.

Solidarisch nickte ihr die Tagespraline zu und flüsterte: „Du ’ast ja so recht. Es ist ’errlisch von ’and gemacht zu sein. Sie ’at kein Ahnung, diese krumme Ding.“

Die Hausmarke antwortete mit einem gequälten Lächeln.

„Sie wird sich noch wundern. Ich bin nämlich ein ganz besonderes Geschenk für den Genießer. Nur darum liege ich noch hier. Nur für ihn bin ich gemacht, kein Anderer darf mich anrühren.“

„Wann kommt er denn?“, fragte die Kleine. „Isch glaub, auch isch bin für ihn gedacht.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte die Hausmarke in scharfem Ton zurück. „Das kann ja jeder sagen.“

Unwillkürlich zuckte die kleine Praline zurück. Mon dieu, warum dieser Ton? Alors, sollte sie doch schmollen, die unförmige Matrone! Sie jedenfalls wusste, warum sie hier war. Sie war ein Souvenir, ein Geschenk, eine liebe Geste, eigens aus Belgique importiert. Klein und zart, von verführerischem Duft. Un don d’amour. Sie sog genüsslich ihr Zitronengrasbukett ein und verfiel ins Träumen. Wie würde es sein, wenn er sie erwählen würde? Würde er sie liebevoll inspizieren, an ihr schnuppern und genüsslich die Augen schließen, bevor er sie zum Mund führen würde? So, wie sie es in Maître Defroidmonts Manufaktur beobachtet hatte, wenn der Maître eine neue Kreation gekostet hatte.

Ach, es musste himmlisch sein, so sacht von Lippen berührt zu werden. Nanu, was war das? Um sie herum wurde es mit einem Mal dunkel.

„Tja“, ätzte die Weinbrandbohne, „das war’s für heute. Sieht aus, als würde die Hausmarke noch ein bisschen unter uns bleiben.“

Die Angesprochene schwieg brüskiert.

„Was ist geschähn?“, suchte die Tagespraline Rat beim Champagnertrüffel, der ihr sowohl erfahren, als auch zugänglich genug erschien.

„Nichts, nur dass alle weg sind. Ist erst das Licht gelöscht, kommen sie auch nicht zurück.“

„Was bedeutet das?“

„Bis morgen geschieht hier nichts mehr. Mit ein bisschen Glück kommt schon früh jemand vorbei und greift sich einen oder zwei von uns. Meist dauert es aber, bis sie die Kerzen wieder anzünden. Komische Leute.“

Mit diesen Worten verstummte er und überließ sie ihren Gedanken.

Sie musste weggedämmert sein, denn ohne dass sie sich erinnern konnte, wie sie dorthin gekommen war, fand sie sich plötzlich auf einer Handfläche wieder und wurde durch die Gegend getragen. Die Hand war groß, größer als die des Maître, auch trockener, etwas Kakaobutter würde ihr gut tun. Sie kuschelte sich tiefer in die Handfläche, die bei näherer Betrachtung doch nicht so übel war. Neben ihr lagen die Hausmarke und zu ihrer Überraschung der mehrfarbige Nougatwürfel. Sie lugte nach oben. War das der Genießer? Musste ja, wenn die Hausmarke neben ihr lag. Warum aber trug er sie durch die Gegend? Es war noch dunkel. Der Champagnertrüffel hatte gesagt, im Dunkeln würde nichts mehr geschehen. Wie aufregend! Davon musste sie ihm unbedingt erzählen, wenn sie sich wiedersehen würden.

Sie wurden auf einer Tischplatte abgelegt. Ah, da stand ja auch so ein Ding, wie der Maître es gehabt hatte. Stunden hatte er davor gesessen und hineingestarrt. Musste spannend sein, obwohl es langweilig aussah. Flach und eckig, es duftete auch nicht. Kein Vergleich mit ihr selbst. Es produzierte einen surrenden Ton, als der Genießer nun auf einen Knopf drückte. Ein Licht flackerte auf und tauchte den Raum in einen bläulichen Schimmer. Ohne von dem Ding wegzusehen, tastete er nun mit der Hand nach ihnen, kam ihr dabei immer näher. Ihr wurde ganz blümerant. Sollte tatsächlich sie die erste von ihnen sein? Aber nein, das Schichtnougat lag weiter rechts und gewann. Traurig sah sie zu, wie es zwischen den Lippen verschwand. Obwohl, so beiläufig wollte sie gar nicht zwischen den Lippen verschwinden. Sie wollte Aufmerksamkeit, wollte, dass man sie betrachtete, an ihr roch, sie hin und her drehte, bevor man sie an die Lippen führte. Das mochte gut genug für das Schichtnougat sein, für sie nicht! Die Finger tasteten erneut in ihre Richtung und stießen zu ihrer Erleichterung auf die Hausmarke, der es nun ebenso erging wie dem Schichtnougat. Allerdings mit dem Unterschied, dass ein unangenehmes Knacken zu hören war, als sie hinter den Lippen des Genießers verschwunden war. Was tat er da? Kaute er? Eine vollkommene Praline, hörte sie die Stimme des Maître, zergeht auf der Zunge und muss, nein, darf nicht gekaut werden. Er schien auch keinen Gefallen an der Hausgemachten zu finden, nicht die Spur eines Lächelns huschte über sein Gesicht, er starrte nur geradeaus in die Kiste, bewegte ab und zu das kleine Ding, das unter seiner rechten Hand lag. Das war nicht fair, diese Ignoranz hatte die Hausmarke nicht verdient. Mochte sie auch ein bisschen unförmig gewesen sein und nicht besonders im Duft, eine echte Nougatpraline war sie immerhin gewesen! In ihr regte sich Zorn, sie musste etwas tun. Aber was nur? Der Champagnertrüffel hätte sicher eine Idee, zu dumm, dass er auf dem Teller geblieben war. Der Schatten, der sich ihr nun näherte, verhieß nichts Gutes, sie hielt den Atem an.

„Ah, das Praliné aus Belgien!“

Galt das ihr? Sie wagte einen Blick und wurde im selben Moment  in die Höhe gehoben. Pour l’amour de dieu, er würde doch nicht in sie reinbeißen, als sei sie ein buisquit oder ein Madelaine! Sie kniff die Augen zu.

„Was für ein wunderbares Präsent.“

Er erkannte sie! Ihr Herz tat einen Sprung. Sie spürte, wie sie hin und her gedreht wurde. Das Schaukeln gefiel ihr, beschwingte sie. Sie entschied sich, die Augen zu öffnen. Ups, die Lippen, die von unten so hart und schmal ausgesehen hatten, wirkten aus der Nähe viel weicher und voller. Und sie lächelten. Sie lächelten sie an. Sie, das kleine Praliné aus Belgique! Gleich, gleich würden sie näher und näher kommen, sich öffnen und dann, dann würde sie endlich das Geheimnis erfahren. Sie würde endlich wissen, was es bedeutete auf der Zunge zu zergehen. Denn sie hatte zwar häufig gesehen, wie eine ihrer Genossinnen zwischen Lippen verschwand, aber noch nie eine gesprochen, die wieder aus ihnen hervorgekommen war.

Doch noch zögerte er und starrte stattdessen wieder in die Kiste.

„Was hat sie dazu geschrieben?“ Die Antwort schien in der Kiste zu stehen und klang nicht schlecht, das musste sie zugeben.

„Das Praliné du jour ist eine kleine Kostbarkeit von delikatem Duft, mit feiner Zitronengrasnote. Sie vereint Cremigkeit und Frische zu einem einzigartigen  Geschmackserlebnis. Eine himmlische kleine Sünde, verführerisch wie ein zarter Kuss. Du musst sie auf der Zunge zergehen lassen. Lass ihr Zeit, sei liebevoll und sanft zu ihr, dann wird sie dir, wie ich, nur zu gern all ihre Geheimnisse offenbaren. Aha.“

Ja, genau das wollte sie tun! Alle! Jetzt! Sofort! Endlich kam der verlockende Mund weiter auf sie zu, brachten die Finger sie näher und näher an ihr Ziel. Verzückt schloss sie die Augen. Schon fühlte sie die Berührung der Lippen, den warmen Atem, die Fingerspitze, die sie nach vorn schob, bis sie etwas Raues und Feuchtes unter sich spürte, das sie schaukelte und sacht gegen eine Wölbung drückte, kreisen ließ, auf den Kopf stellte und das Spiel von vorn begann. Es war himmlisch. Ooh, oh la la, was war das? Ihr wurde ganz warm, ihre ohnehin schon abgerundeten Ecken wurden noch runder, in ihrem Inneren schmolz der Nougatkern und entließ eine Woge von Zitronenaroma, die sich in Wellen in ihr ausbreitet. Als hätte er den Wunsch vor ihr selbst erkannt, schmolz der Genießer sie dahin, befreite sie von den Fesseln ihrer Schokoladenhülle. Aufseufzend gab sie ihre Scheu auf, verteilte sich in dem warmen, dunklen Raum, als sei er ihr seit Ewigkeiten vertraut, floss bis in die tiefsten Schluchten, erkundete winzige Zwischenräume. Warum nur hatte ihr niemand gesagt, wie wunderbar es war auf der Zunge zu zergehen? Sie hätte ewig so weitermachen können. Quel plaisir, enivrant.

Was war das dort hinten? Sie blinzelte in einen dunklen Abgrund, aus dem ein … ein säuerlicher Geruch aufstieg. Non, das war nichts für sie, sie würde umkehren. Aber etwas zog sie mit Macht auf den Abgrund zu. Sie wehrte sich, so gut sie konnte, raffte ihre Inhaltsstoffe zusammen, stemmte sich mit aller Macht dagegen. Doch sie wurde schwächer und schwächer, trudelte hilflos am Rand des Abgrunds. Kaum noch ein Hauch von Zitronengrasaroma, kein cremiges Nougat mehr, die Schokoladenhülle zu einem trüben Brei vermengt, überfiel sie eine bittere Erkenntnis: Sie würde in diesem säuerlich riechenden Schlund verschwinden, ihre Kräfte reichten einfach nicht aus. Quelle tragédie!Das Ziel aller Träume würde zugleich ihr Ende sein. Darum, dämmerte es ihr im Hinabgleiten, darum hatte nie jemand berichtet, wie es war.

 

Mehr Weihnachtsgeschichten? Ok, dann hier lang:

Die Kiste 

Adeste Fideles

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