Unter der Lampe

Weil das Buchjournal sich unter hunderten von Einsendungen nicht entscheiden mochte, diese Geschichte zu drucken, erscheint sie nun hier. Was den Apotheker angeht, hilft noch Daumendrücken, ihn habe ich bei einer Ausschreibung eingereicht. Bleibt er auch einer von vielen, werdet Ihr ihn irgendwann hier finden können. Nun aber zur Lampe:

Das Licht bildete einen Kegel um den Korbstuhl, einen abgeschlossenen Raum im Raum. Es musste nicht gesagt werden, wenn sie dort saß, ein Buch im Schoß, war sie nicht ansprechbar. Nicht, dass sie nicht reagiert hätte, doch wirklich da, wirklich in der Gegenwart war sie nicht, wenn sie dort saß und las.

Wir Kinder wussten das. Mutter liest, Mutter ist nur scheinbar anwesend. Manchmal denke ich, wir haben sie gehasst, die Lampe und die Bücher, die sie uns entführten, ohne sie aus dem Haus zu entlassen. Und manchmal hat uns die Gewissheit getröstet, dass sie dort saß. Auch wenn sie für uns fast unerreichbar war. Nur wenn etwas wirklich Wichtiges geschah, tauchte sie aus ihrem Kokon aus Licht auf. Mit für uns rätselhaftem Gespür erkannte sie genau den Unterschied zwischen einer Scheinkatastrophe, wie wir sie anzettelten, um sie auf uns aufmerksam zu machen, und einer echten, die ihrer Handlung bedurfte. Dann war sie da, sofort und ohne jegliches Zögern oder auch nur einen Hauch von Unwillen im Gesicht.

Heute, in ihrer leeren Wohnung, hatte ich gezögert die Frage nach einem Andenken zu beantworten, obwohl mir die Lampe sofort durch den Kopf geschossen war.
Ich wusste nicht, ob sie meinen Geschwistern ähnlich wichtig war wie mir, ob sie auch noch die gelesenen und ungelesenen Bücherstapel vor Augen hatten, das ruhige Atmen, das ihren Brustkorb kaum hob und senkte, die Stille, die eintrat, wenn sie abends die Lampe einschaltete. Unsere Mutter sah nicht Fern. Sie kannte keine Stars, keine Moderatoren, nichts von dem, mit dem wir uns gern den Abend vertrieben. Nach Acht begann ihre private Zeit. Seit ich denken kann, hat sie die Familie nach Acht für eine andere Welt verlassen. Für zwei Stunden verließ sie uns, kehrte gegen zehn zurück und übernahm die letzten Arbeiten des Tages, bevor sie sich zwischen elf und zwölf zu Bett legte. Heute, beim Anblick des aufgeschlagenen Buches auf dem kleinen Beistelltisch, hatte ich mich zum ersten Mal gefragt, ob sie diese Gewohnheit auch beibehalten hatte, als wir alle aus dem Haus und Vater gestorben war. Warum haben wir uns nie über die Bücher unterhalten, die sie las? Warum hat sie uns nie davon erzählt, uns daraus vorgelesen, uns auf ein ihrer Meinung nach besonders Wertvolles hingewiesen?

Von uns Dreien habe nur ich ihre Liebe zu Büchern übernommen. Meine Brüder lesen maximal Fachmagazine oder surfen im Internet. Papier halten sie für überflüssig. Früh schon habe ich begonnen die Regale nach Lesestoff abzusuchen, mit dem ich mich in mein Zimmer zurückzog, wenn es mir im Haus zu lebhaft wurde. Nie hat sie mich zurückgehalten, mir ein Buch vorenthalten, weil es nichts für mich sei, zu schwer, zu gewagt, nicht altersgerecht. So las ich wie sie, wahllos die Genre und Epochen kreuzend, ohne einem Kanon zu folgen. Manche Autoren fanden sich mehrfach, andere tauchten nur mit einzelnen Werken in unserem Haus auf, was mich enttäuschte, wenn ich in meinen Lesestunden Gefallen an ihnen gefunden hatte. Gefragt habe ich nie nach ihnen, eine merkwürdige Scheu hielt mich gefangen. Mutter sprach nicht übers Lesen, sie las.

Als sie merkte, dass ich immer öfter suchend über die Bücherrücken blickte, nahm sie mich gelegentlich mit in die Bibliothek neben dem Bahnhofsgebäude, in der sie regelmäßig Bücher auslieh. Oder, zu besonderen Anlässen, in die Buchhandlung am Markt, wo ich mir ein Buch aussuchen durfte. Ein Taschenbuch. Sie selbst erstand in ganz seltenen Fällen ein gebundenes Buch, dessen Leineneinband sie beinahe zärtlich berührte. Wenn ich heute ihre Bibliothek betrachte, ahne ich, warum sie bestimmte Werke in solchen, für unser Budget eigentlich viel zu teuren Ausgaben kaufte. Es waren entweder Klassiker der Weltliteratur oder aber Bücher von Autoren, die sie sehr mochte und auf deren Erscheinen als Taschenbuch sie nicht warten wollte. Oder auch konnte.

Bald schon besorgte sie mir aus einer Haushaltsauflösung ein Regal, das ich in mein ohnehin schon winziges Zimmer quetschte, sodass es noch weniger begehbar war. Mir war es egal. Der Anblick der sich füllenden Böden war mir wichtiger als Raum, den ich nur mit den Füßen nutzen konnte und eine weitere Wandfläche für Poster, ohne die man damals meinte nicht leben zu können. Doch trotz der offensichtlichen Nähe, die wir zueinander hatten, sprachen wir nicht über das, was wir lasen. Es war, als wäre es ein zu intimes Thema.

Als ich auszog halfen meine Brüder mir murrend die Bücherkartons aus meinem Dachzimmer ins Auto zu tragen. Eine unnütze Last in ihren Augen. Für mich ein wertvoller Schatz. Das Einräumen in meinem Studentenzimmer nahm mehr Zeit in Anspruch als alle anderen Räumaktionen. Wie meine Mutter sortierte ich anfangs nach Epoche, Genre und Autor. Akribisch auf richtige Zuordnungen achtend. Doch mit den Jahren legte sich das, machte sich ein willkürliches Chaos auf den Regalböden breit, das ich zu lieben begann. Überhaupt änderte sich die Rolle, die Bücher in meinem Leben spielten, mit der Freiheit und den Erfahrungen, die das Studentenleben mit sich brachte. Konnte ich früher oft ganze Nachmittage lesend verbringen, drängte es mich nun immer schneller wieder hinaus zu Kommilitonen und in die Nähe weiblicher Wesen. Ein Stipendium ermöglichte mir ein Jahr im Ausland, eine Zeit, die mich weiter von Büchern entfernte, als ich es mir jemals hatte vorstellen können.Um so mehr las ich, wenn ich in den Semesterferien zu Hause war. Ich las ganze Tage und Abende, verschlang, was meine Mutter in der Zwischenzeit Neues angeschafft hatte, als gelte es bis zum Ende der Ferien aufzuholen, was ich versäumt hatte. Sie selbst blieb bei ihrem Ritual. Gelesen wurde zwischen acht und zehn, im Lichtkegel der Lampe, in ihrem Korbstuhl sitzend. Ich hingegen las, wo immer ich gerade saß oder lag. Der Ort war mir gleichgültig in diesen Tagen. Oder auch nicht, denn ich wollte, dass sie sah was ich las. Lesen war ein unsichtbares Band zwischen uns, ein unausgesprochenes Übereinkommen. Oft fühlte ich ihren Blick auf mir, wenn ich im Sommer Stunde um Stunde im Garten saß und meine Tätigkeit nur unterbrach, um etwas zu essen oder zu trinken und den Stuhl wieder in den Schatten zu rücken, aus dem die Zeit ihn unbemerkt herausgezogen hatte. Einmal fragte sie mich, ob ich sonst auch so viel lesen würde. Als ich verneinte sagte sie nur, das sei gut, drehte sich um und putzte weiter die Bohnen, die sie zuvor geerntet hatte.

An diesem Abend sah ich sie zufällig eine Weile nachdenklich vor sich hin blicken, statt wie gewohnt ins Lesen vertieft. Kurz darauf begann das Semester wieder. Das Letzte.

Ob ich die Bücher haben wolle, oder ob man sie verschenken solle, hatten meine Brüder wissen wollen. Ich würde sie sichten und mir raussuchen, was ich behalten wolle, entschied ich. Morgen. Heute nähme ich gern die Lampe mit und das aufgeschlagene Buch vom Beistelltisch. Ob ich nicht auch den Korbstuhl gebrauchen könne? Er müsse doch offensichtlich sehr bequem sein, wenn man bedächte, wie oft und wie lange sie darin gesessen hätte.

Tatsächlich hatte keiner von uns je auch nur eine Minute darin gesessen. Dabei stand er an einem der schönsten Plätze im Haus, von dem man einen wunderbaren Blick über den Garten hatte. Doch konnte die Lampe noch an anderer Stelle ihren schützenden Kegel entfalten, war es mit dem Stuhl etwas Anderes. In seinen Rücken gehörte das Haus mit seinen Erinnerungen. Auf ihm hatte sie Abend für Abend eine Reise unternommen, deren Ausgang und Ziel immer gleich gewesen war. Nein, ihn in meine Wohnung zu verpflanzen würde nicht funktionieren.

Suchend blickte ich mich nun nach einem geeigneten Platz für die Lampe um. Schließlich stellte ich sie neben das Bücherregal, wo sie, altmodischen wie sie war, merkwürdig deplatziert wirkte. Erst als ich einen kleinen Tisch dazu arrangierte, fügte sie sich in den Raum, als sei sie immer schon dort gewesen. Das aufgeschlagene Buch, das Letzte, in dem sie wie ich vermutete gelesen hatte, legte ich dazu. Erst jetzt sah ich, dass es ein Band mit Hessegedichten war und schlug verwundert den Buchdeckel auf. Nie hatte ich Lyrik bei ihr gefunden. Hatte sich ihr Geschmack im Alter noch so geändert? Es enthielt eine Widmung für mich, datiert im Jahr meiner letzten Semesterferien:

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

Das, lieber Christian, behauptet Hesse. Er vergisst das Glück des Reisenden, zu dem wir lesend werden. Das Glück an sich jedoch, das kann man nicht lesen, man muss es leben.

photo credit: <a href=“http://www.flickr.com/photos/23094783@N03/26461781546″></a&gt; via <a href=“http://photopin.com“>photopin</a&gt; <a href=“https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/“>(license)</a&gt;

 

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